Christian Weikusat
Die Holzhammer-Methode
Gestern wurde in einer Wohnung am Stadtrand die Leiche eines 46-jährigen Mannes gefunden. Der Bankkaufmann Herbert G. wurde offensichtlich Opfer eines Gewaltverbrechens: Nach Polizeiangaben war sein Kopf vollständig zertrümmert. Obwohl die Tatwaffe, ein blutverschmierter Holzhammer, in der Hand Herbert G.'s gefunden wurde, schließt die Polizei Selbstmord aus, denn es sei, so ein offizieller Sprecher, 'undenkbar, dass sich irgendjemand, depressiv oder nicht, solche Verletzungen zufügen kann.'Herbert G. kam eines Tages wie üblich erst in den späten Abendstunden von der Arbeit nach Hause. Er war, auch wie üblich, übermäßig strapaziert. Den ganzen Tag, beinahe 24 Stunden lang, hatte er Gelder verschoben, Firmen aufgekauft, abgestoßen, Existenzen vernichtet, beinahe Wirtschaftskrisen ausgelöst, Unmengen Kaffee und einige Kapseln illegaler Aufputschmittel konsumiert; ein Tag wie jeder andere also.
Und ebenfalls wie üblich spürte er sein offenes Magengeschwür überdeutlich, einer der Gründe, weshalb er sich (wie üblich, selbstverständlich) nun schon seit mehreren Stunden schlaflos im Bett herumwälzte.
Jedoch, und das war unüblich, gab es noch einen Grund, der es ihm heute wohl völlig unmöglich machen würde, Schlaf, oder zumindest was er dafür hielt, zu finden: Für morgen hatte sich ein Abgesandter des Managements angekündigt, der die ganze Abteilung auf Herz und Nieren zu prüfen gedachte.
Nicht, dass er wirklich etwas zu verbergen gehabt hätte, er war schon sein ganzes Leben lang korrekt und ehrlich gewesen, nein, was er fürchtete war vielmehr, dass der Prüfer durch das völlige Fehlen von Hinweisen auf illegale Abzweigungen und private Spekulationen zu der Überzeugung kommen könnte, dass er ein besonders gerissener Betrüger sei, und dass man ihn besonders genau prüfen müsse. Das würde enormes Aufsehen erregen, das Management würde davon Wind bekommen, misstrauisch werden, und schließlich würde man ihn vorsichtshalber auf irgendeinen unbedeutenden Posten versetzen, vorausgesetzt natürlich, dass man ihm nicht direkt die Kündigung nahelegte.
Sein wirkliches Problem aber war nun, dass er mit all diesen Sorgen im Kopf unmöglich einschlafen konnte, dass er aber andererseits, falls er morgen im Büro übermüdet aussehen würde, direkt einen viel schlechteren, ja geradezu schuldbewussten Eindruck auf den Prüfer machen müsste.
Er musste also Schlaf bekommen, irgendwie. Und da lag auch schon das nächste Problem: Alles, was es auf dem legalen Markt an Schlafmitteln gab, hatte er schon ausprobiert. Tatsächlich traf das auch auf den größten Teil der auf dem illegalen Markt erhältlichen Präparate zu. Nach einer Weile hatten alle Mittel versagt, und er hatte wieder, wie üblich, Ewigkeiten wachgelegen, bevor er gegen Morgen in einen nur wenige Stunden andauernden Koma-ähnlichen Zustand gefallen war.
Aber diesmal würde er nicht aufgeben, er brauchte den Schlaf, er hatte ihn sich verdient, verdammt noch mal! Ruhelos irrte er durch die Wohnung auf der Suche nach etwas, das ihn in die Gefilde des Schlafes schicken könnte.
Und endlich, als er schon fast verzweifelt war, wurde er auf dem Boden seiner Werkzeugkiste fündig.
Sehr lange (nun ja, da er ein Mensch war, der alles sehr schnell tat, muss man sagen: relativ lange) saß er nun tatenlos herum und grübelte, ob all die Geschichten von mittelalterlichen Operationen, bei denen ein Holzhammer zur Narkose benutzt wurde, wohl frei erfunden sind, oder ob dies vielleicht wirklich eine gut Methode wäre, um ihm endlich Ruhe zu verschaffen.
Schließlich beschloss er, es einfach auszuprobieren. Kurz musterte er den Hammer in seiner Hand, der ihm jetzt auf einmal doch sehr groß erschien, und holte dann, ganz Mann der Tat, mit gewaltigem Schwung aus. Eine Millisekunde, bevor der Hammer seinen Kopf traf und ihn in tiefste Schwärze schickte, kam ihm noch der Gedanke, dass er sich vielleicht besser vor das Bett gestellt hätte....
Zu spät.
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Unbestimmte Zeit später erwachte er mit infernalischen Kopfschmerzen. Er konnte sich an nichts erinnern. Er hätte sich vielleicht an alles erinnern können, wenn er an etwas anderes als die anhaltenden Atombombenexplosionen in seinem Kopf gedacht hätte. Bevor es dazu kommen konnte, sah er den Hammer, und eine dumpfe Erinnerung an Dunkelheit und Stille gab ihm die Kraft, das Werkzeug erneut in Richtung seines Kopfes zu beschleunigen.
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Bei diesem Erwachen nahm er den Schmerz zuerst gar nicht wahr. Das Erste, was ihm auffiel, war der seltsame Zustand seines rechten Auges. Es schien irgendwie zugeschwollen zu sein. Dann merkte er, dass ihm große Mengen einer warmen Flüssigkeit über Mund und Kinn liefen. Er überlegte, wo diese wohl herkommen möge, und erinnerte sich kurze Zeit später daran, dass über dem Mund die Nase liegt. Und schon konnte er sie spüren, aber seltsam, hatte sich seine Nase schon immer so angefühlt? Bald war er davon überzeugt, dass hier irgendetwas nicht in Ordnung war. Er konzentrierte sich ungemein, um herauszufinden, was passiert sein könnte.
Auf einmal wusste er alles. Das Schlafproblem, der Hammer; anscheinend hatte er das letzte Mal nicht richtig gezielt. Als nun die unsagbar grässlichen Schmerzen in sein Bewusstsein drängten, krampften sich seine Muskeln zusammen und wieder sah er den Hammer auf seinen Kopf zurasen.
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.....holzstück.....holz......hammer.aahhh......
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______eine Wüste.
Oder war es keine Wüste? Schien eher feucht zu sein.
Aber es lagen sehr viele weißlich-gelbliche Kalksteinfelsen herum. Blutroter Sonnenuntergang hinter den Bergen, von deren Kuppen sich glitzernde Wasserfälle ins Tal ergießen. Oder sind es die Wasserfälle, die rot sind?
Blutrot.
Blut.
Sein Blut.
Keine Wüste, seine Mundhöhle.
Was er für Kalksteinfelsen gehalten hatte, schienen die Überreste seiner Zähne zu sein.
Er hatte sich geirrt, er konnte gar nichts sehen. Überhaupt nichts. Alles war schwarz. Wenn nur der Lärm nicht gewesen wäre.
Schmerzen hatte er übrigens keine mehr. Das Universum war der Schmerz, er selbst war der Schmerz, war aus ihm geboren, würde in ihm vergehen. Seine Gedanken waren nur eine kleine, unbedeutende Nebenschwingung auf der gigantischen Trägerwelle des Schmerzes.
Etwas erregte seine Aufmerksamkeit. Er kroch aus seinem nutzlos gewordenen Kopf hinab in den Brustkorb und dann gerade auf den Nervenreiz zu. Entlang an den Axonen hangelte er sich durch gewaltige kristalline Strukturen (hatte man so etwas überhaupt im Körper?) immer weiter auf das Ziel zu. Er erreichte die Haut seiner Hand, durchstieß sie mühelos und versuchte dann zu ergründen, was es wohl war, das dieses Stück seiner Haut berührte. Er erinnerte sich an die enorme Wichtigkeit des Gegenstandes, ja er wusste sogar, was er damit tun musste. Und instinktiv spürte er, dass dies vielleicht das letzte Mal war, das er diese wundervolle Zeremonie durchführen konnte.
Er nahm all seine Energie zusammen, versuchte, das Potential jeder einzelnen Zelle zu mobilisieren. Nahezu schwanden ihm die Sinne, doch im letzten klaren Moment hörte er noch das beruhigende Geräusch des durch die Luft zischenden Hammers.