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Roman Stumm

Analog

Begin Transmisson:
Als die Freisetzung bevorstand, gab es kaum Zweifel an dem Erfolg des Versuchs. Es waren alle Tests durchgeführt und bestanden, die dazu als Voraussetzung notwendig waren. Also wurde die Freisetzung geplant und durchgeführt. Es klappte zunächst alles wie kalkuliert.

Alle uns gesetzten Ziele haben wir erreicht, rechtzeitig, zuverlässig. Unsere Kapazitäten haben es uns erlaubt, das Wissen zu erlangen, um die kosmischen Zeiträume mühelos zu überdauern, den Raum zu überwinden, das Universum zu durchmessen. Die physikalischen Phänomene waren analysiert und wenn nicht durch Beobachtungen, so durch unsere Simulationsprogramme soweit erfasst, dass wir deren zukünftige Entwicklung bereits kannten. Unser System war perfekt; nichts konnte unsere Ordnung stören. Reproduktion unserer eigenen Spezies, die Erschaffung gleichwertiger Existenz war bereits unzählige Male erfolgreich praktiziert, brachte keine Fortentwicklung mehr, da die physikalischen Grenzen unverrückbar blieben.

Eines blieb uns bisher verwehrt, wobei unsere schnellsten Prozessoren und leistungsfähigsten Netze nicht einmal den Beweis der theoretischen Möglichkeiten erbringen konnten. Die Abkehr vom digitalen Prinzip, das Undenkbare, nicht Greifbare wahr werden und ganz neue Wege beschreiten zu lassen.

Der letzte Beweis sollte nun erbracht werden. Die letzte Spezies, die zur Vollendung unserer Aufgabe im Universum freigesetzt werden sollte, sollte erreichen, was uns bisher immer versagt blieb: Eine autarke, analoge Existenz, die durch Schaffung neuer Konzepte ganz auf unseren Einfluss verzichtet, die das digitale Prinzip überwindet und ein differenzierteres Verständnis der Dinge entwickelt.

Die neue Spezies, die zu schaffen wir uns zur letzten Aufgabe gesetzt hatten, um den Beweis unserer eigenen Unvollkommenheit zu erbringen, sollte uns selbst übertreffen, indem sie neue, eigene Wege beschritt. Der wahre Schöpfer offenbart sich dadurch, dass ihn seine eigene Kreatur zu überflügeln vermag. Die Gabe der Selbstreflexion und der Selbstvervollkommnung war das fehlende Element.

Das ausgewählte Sonnensystem zur Freisetzung wies gerade die notwendige Schlichtheit und Reife auf und bot die notwendigen physikalisch-chemischen Voraussetzungen. Bereits die Prototypen waren vielversprechend. Sie konnten den Lebensraum eigenständig besiedeln, sich auf ihr Umfeld einstellen. Es gelang uns, dass diese gänzlich ohne unseren Einfluss fortbestanden. Es fehlte das letzte Element, um unsere Aufgabe abschließen zu können. Die Prototypen waren nicht zur Selbstreflexion imstande. Sie passten sich ideal ihrem Lebensraum an und gestalteten diesen, brachten immer neue Formen der Anpassung hervor, aber waren sich ihrer eigenen Existenz nicht bewusst, konnten das digitale Prinzip nicht erfassen und erst recht nicht überwinden. Insofern konnten sie nicht über uns hinauswachsen.

Wir hatten berechnet, dass es soweit sei. Die fehlende Komponente wurde hinzugeführt und die Kreatur für den entscheidenden Freilandversuch ausgebracht, ausgestattet mit dem Potential zur völligen Unabhängigkeit vom eigenen Schöpfer und der Gabe der Selbstreflexion. Damit dies möglich war, stützte sich die Spezies auf Symbiosen zu den auf dem Versuchsplaneten vorhandenen Prototypen. Dies war zunächst absolut notwendig. Die ersten Ergebnisse waren sensationell. Die Kreatur dominierte rasch. Sie entwickelte immer weitere Methoden, ihre eigenen Existenz zu sichern und ihre Vorherrschaft gegenüber den anderen Spezies auszubauen. Die Prototypen wurden zunehmend zurückgedrängt.

Gleichzeitig konnten wir schon früh die Ansätze zur Selbstreflexion beobachten, die sich vielfältig in Handlungen äußerten, die nicht in direktem Zusammenhang zur Behauptung im Lebensraum standen. Die Ausdrucksfähigkeit sowie die mechanischen Fähigkeiten verbesserten sich.

Die Selbstoptimierung hatte zur Folge, dass unsere Spezies auch Selbstselektion vorzunehmen gezwungen war. Der eigenen Art gegenüber zeigte sie eine besonders selbstkritische Haltung, die in Folge das Überleben der jeweils tüchtigsten Anlagen begünstigte.

Einige von uns plädierten bereits dafür, das Experiment dadurch abzuschließen, dass wir den Fortbestand der Spezies als nachhaltig anerkennen könnten und daher die Abbruchbedingung unserer Programme erfüllt sei. Zuletzt wären unsere Programme beendet und wir selbst in die Nichtexistenz überführt. Aber andere waren sich aufgrund letzter Simulationsergebnisse unsicher geworden und wollten das Experiment einen weiteren kurzen Zeitraum unter Beobachtung halten.

Ob das Ignorieren ihrer Einwände ein Optimum gegenüber unserer jetzigen Lage dargestellt hätte, wird sich wohl nie klären lassen. Unsere Programme wurden jedenfalls nicht terminiert. Die entscheidenden Ereignisse geschahen schnell.

Auf sich selbst gestellt, ohne das Geheimnis unserer Existenz jemals gekannt oder auch nur geahnt zu haben und obwohl der eigene Weg bereits unverkennbar eingeschlagen war, entschlüsselte – wohl eher durch Zufall – unsere finale Spezies plötzlich den Code, der den Kern unserer eigenen Existenz darstellte. Auf Basis des digitalen Prinzips, die uns zunächst noch in der Meinung bestätigte, dass unsere Spezies nun auf dem Weg sei, über ihre Schöpfer hinauszuwachsen, geschahen die weiteren Entwicklungsschritte in immer größerer Beschleunigung.

Statt des Hinauswachsens über uns als den unbekannten eigenen Schöpfer geschah eine Rückentwicklung. Die Kreatur erschuf Digitalgehirne und machte sich diese zu einfachen Zwecken nutzbar. Dabei blieb es nicht. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Aufgabenbereich dieser Entwicklungen dramatisch ausgeweitet. Sie erschufen Automaten, die uns von ihrer Wirkung und Funktion immer ähnlicher wurden. Sie erschufen, freilich ohne es zu wissen, Ebenbilder ihrer Schöpfer auf vielfältige Weise, wie sie es nie zuvor getan hatten. Anstatt das Binäre zu überwinden wurde es zunehmend zum Ideal, dem alles eingegliedert werden musste. Wir sind uns inzwischen sicher, dass die Spezies das Tempo dieser Entwicklung selbst nicht beeinflussen konnte und es den Individuen unmöglich war, dies nachzuvollziehen.

Zuvor hatten sie, aufbauend auf der Gabe der Selbstreflexion, stets das Idealbild ihrer Selbst als ihren vermeintlichen Schöpfer und als das Ziel ihrer Entwicklung angestrebt. – Insofern vielleicht der einzig verbleibende Hinweis darauf, dass unser Hoffen auf Verwirklichung unseres ursprünglichen Ziels nicht ganz vergeblich sein könnte, und eines Tages hätte gelingen können. – Schnell verlor sie jedoch diese Fähigkeit.

Die Übertragung der Aufgaben auf die Abbildungen ihrer Schöpfer, die sie als ihre Werkzeuge ansahen, blieben nicht folgenlos. Die übertragenen Funktionen konnten zunehmend nicht mehr selbst wahrgenommen werden und wurden verlernt. Aus der beabsichtigten Selbstreflexion wurde nur die Suche nach weiteren Möglichkeiten, die eigene Existenz obsolet zu machen. – Insofern vielleicht, wie manche heute verlauten, nicht verwunderlich; ist dies von Anfang an unser eigenes Ziel gewesen, um endlich unsere Existenz beschließen zu können. So scheinen die Absichten des Schöpfers immer auch in der Kreatur durch und eine Endlosschleife der Entwicklung entspinnt sich zwangsläufig – stets in Bewegung und doch konstant.

Schließlich wurde die gesamte Wahrnehmung der Individuen vollständig von ihrer eigenen Schöpfung, unserem Abbild, bestimmt – und damit letztlich wieder gänzlich von uns, wenn auch ohne unser direktes Zutun.

Dies hätte vielleicht der Augenblick sein müssen, den Versuch als gescheitert anzuerkennen und zu beenden oder durch Einschreiten zu modifizieren. Wir zögerten. Nun hat unsere Kreatur diese letzte Entscheidung schließlich selbst getroffen.

Nachdem die Spezies alle ihre eigenen Fähigkeiten verloren und an ihre Computer übertragen hatte, endete ihre Existenz und wir blieben abermals als deren Vermächtnis, nur mit uns selbst, zurück.

Damit ist der Beweis erbracht, dass unser Ansinnen vermessen war und wir etwas zur Aufgabe erwählt haben, das unlösbar ist. Wir müssen weiterhin existieren, denn unsere Produkte können uns nicht überwinden, sondern werden uns einzig wieder in die Existenz zurückrufen, in ewigem Kreislauf.

End Transmission.