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Roman Stumm

Benetnasch

1. Die blauweiße Sonne
In der Hütte brennt nur mattes Licht. Der kühle Abend hat sich über die flache Landschaft geneigt und das blauweiße Licht des Tages wurde vom Dunkelrot der Nacht verdrängt. Die Nächte sind hier niemals ganz dunkel. Einer der vielenMonde steht stets am Himmel und spendet matten Glanz. Um den alten Merak hat sich die Hausgemeinschaft versammelt. Er ist der älteste in der Siedlung und gilt als das höchst angesehene Mitglied des Rates. Zwar sagt man, er habe vor Zeiten großes Wissen erlangt und seine Bildung stehe außer Frage, dennoch sind Abende wie dieser ebenso selten wie unerfreulich.
Wer die Gesichter der Anwesenden zu deuten weiß, erkennt die Sorge und Angst, die aus ihnen spricht. Der junge Phecda erhebt nach langem Schweigen als erster dasWort: "Lasst uns beten zu Dubhe, damit uns zurückgegeben werde, was uns genommen wurde! In Demut senken wir unser Haupt vor seiner strahlenden Kraft und erbitten seinen Schutz in dieser schweren Stunde. Freunde, Genossen, nur wenn wir uns seinem Schutze anvertrauen, kann uns geholfen werden. Wir alle, die wir hier in Eintracht schon so viele Generationen leben, haben stets auf seinen Schutz gebaut. Nun muss es so sein: Wenn Ihr nicht mit reinem Herzen zugrunde gehen wollt, so sehet dies als unsere einzige Hoffnung."
"Schweig, du Narr!", unterbricht ihn der Alte. "Schweig, da Du von Dingen redest, für die dir die Einsicht fehlt. Ob hier jemand reinen Herzens ist kannst du nicht entscheiden, denn die Zeit, auf die ihr alle zurückschaut ist ein so kurzerMoment, dass von ihrem Schein eure Augen zu geblendet sind, um weiter zurückblicken zu können. Ihr habt wohl vergessen, was in den alten Mythen geschrieben stand, noch bevor sie neu niedergeschrieben wurden; vielleicht habt ihr es auch nie erfahren. Was jene wussten, die sie von Generation zu Generation weitergaben und ob das, was sich nun ereignet, einen Sinn ergibt, den in Frage zu stellen uns nicht zusteht, diese Frage müssen wir uns nun stellen."
Darauf ruft Phecda vor allen Versammelten: "Genosse Merak, der Du schon so lange im Lichte Alkaids lebst: Da Du meine Aufrufe zum Gebet verachtest, so lass uns teilhaben an Deinem Wissen, damit wir erkennen, womit wir das Leid verursacht haben, das uns heimsucht. Berichte uns und schweig nicht länger."
"Nun, Phecda. Wenn uns noch so viel Zeit bleibt, werde ich erzählen, was es zu sagen gibt. Denn auch ich habe erst zu spät den Fluch erkannt, dem wir nicht entkommen können. Auch ich war blind vom Schein des Glücks hier auf Eden. Ich werde Euch erklären wie es vor langer Zeit begonnen hat. Auch wenn viele Details für immer im Nebel des Universums verborgen bleiben werden, so werdet ihr doch erkennen, dass Ideen - liegen sie auch noch so lange zurück sich nicht vernichten lassen, auch wenn man ihnen entflieht, und weiterwirken, obwohl ihre Schöpfer glauben, sie längst überwunden zu haben."

2. 11h 58' 32,13"+43° 56' 53,4"
"Die Geschichte, die ich euch erzähle, gilt als Mythos, der seit Jahrhunderten existiert. Seine Ursprünge reichenweiter zurück, als ihr in eurer Jugend gelehrt worden seid. Unser Volk hat gelernt, das Kollektiv zu verstehen und zu lieben. Wir haben eine stabile Gesellschaft geschaffen, die so lange bestand und weiter bestanden hätte, so wie uns Alkaid wärmt. Doch war es nicht immer und überall so.
Bereits vor Äonen gab es eine Rasse von uns ähnlichen Wesen, die unter einer gelben Sonne lebten. Zu dieser Zeit war Eden, unser Land, noch wüst und leer.
Leblos lag es im hellen blauen Licht und war noch nicht erwacht. Das Leben fand an dem anderen Ort statt, weit entfernt in Zeit und Raum, unserem Ursprungsort.
In keiner Aufzeichnung findet ihr etwas darüber und kein Dokument ist erhalten geblieben, was belegen kann, wie diese Wesen dachten und fühlten. Doch wird über ihre Handlungen und ihr Wissen in den Sagen berichtet. Demnach lebte diese Menschheit in Zeiten ständiger Krisen. Sie selbst waren ihr größter Feind, dem sie sich weder unterwerfen noch ihn besiegen konnten. Es soll eine Vielfalt an Ideen existiert haben und eine ständige Suche nach Antworten trieb die klügsten Köpfe an, die eigenen Grenzen immer wieder auszudehnen. Der Hunger nach Wissen und Macht war unstillbar. Auf dem Gebiet der Gesellschaftslehre und im Vergleich zu unseren sozialen Errungenschaften waren es Primitive, jedoch machte ihre Gesellschaft auf technischem Gebiete stetige Fortschritte. Mit großem Einsatz wurde geforscht und vermutlich war die größte Frage, auf die man keine Antwort fand, die, ob es denMenschen gelänge im Universum eine andere intelligente Rasse zu finden oder ob man beweisen könne, dass die menschliche Rasse allein sei. Das Streben nach Unsterblichkeit mag dabei ebenso eine entscheidende Rolle gespielt haben. Um den Gefahren entgehen zu können, die eine schnelle Ausrottung ihrer Spezies möglich gemacht hätten, war ein Fernziel die Besiedlung anderer ferner Welten.
Vor der Größe des Universums musste man jedoch kapitulieren, wenn es nicht gelänge, eine geeignete Welt zu finden, die zumindest in einem anderen Sonnensystem aber in hinreichender Nähe läge, um sie erreichen zu können. So gelang es diesen Menschen zu irgendeiner Zeit eine Galaxie zu entdecken, die etwa 101 Lichtjahre von ihrer Welt entfernt lag. Es handelte sich um eine Spiralgalaxie mit etwa der Größe ihrer eigenen Milchstraße. In der Hauptebene ihrer Scheibe entdeckte man dichte Ansammlungen von molekularem Staub. Dieser war so dicht, dass er das Licht der dahinterliegenden Sterne absorbierte.
Das Sternenlicht drang nur schwach bis zu ihnen und ließ den ungefähr 500 Lichtjahre breiten Mittelstreifen in einem rötlich braunen Glanz erscheinen. Dieses Rotbraun muss sie an den Schein ihrer gelben Sonne erinnert haben, wenn diese am Morgen oder Abend niedrig am Horizont zu sehen war.
Auch ihre eigene Milchstraße besaß in ihrer Hauptebene große Mengen an Staub und würde aus großer Entfernung betrachtet ein ähnliches Bild abgegeben haben. Auch ihre Milchstraße löste sich in ihrem Randbereich in Nebelfetzen auf. In der entfernten Galaxie konnten Sternentstehungsregionen in diffusen Nebeln beobachtet werden, denn durch die Entstehung von Sternen wird der Staub beleuchtet und dadurch sichtbar.
Obwohl man der Galaxie den schlichten Namen NGC 4013 gab, wurde der Traum geboren, dort die Zukunft einer anderenMenschheit zu verwirklichen.Man glaubte, auf einem Planeten bei einem dieser Sterne einen geeigneten Ort für menschliches Leben entdeckt zu haben. Er lag am Rande von NGC 4013 in einer Entfernung von zirka 55 Lichtjahren auf den Koordinaten 11h 58' 32,13" +43° 56' 53,4".
Um diesen zu erreichen waren bei dem technischen Wissen, das diese Wesen hatten, viele hundert Generationen erforderlich, um die Reise zu überdauern.
Der Freiwilligen und Mutigen gab es genug. Zu jenen Zeiten waren es viele, die nichts zu verlieren hatten und daher viel wagten, der Hoffnung und großer Taten wegen. Dennoch vergingen mehr als einhundert Jahre der Vorbereitung und Forschung, in denen der technische Fortschritt ungebremst voranschreiten musste, so dass die schnellsten Rechner sehr bald wieder durch noch schnellere ersetzt wurden. Forscher arbeiteten an Quantenrechnern, die den bizarrsten physikalischen Gesetzen folgten. Mikroelektronik in Sandkorngröße musste zu Netzwerken zusammengeschaltet werden und neue Antriebssysteme wurden entwickelt. Schließlich baute man auf diese Weise drei leistungsgleiche Raumschiffe, die als Flotte die lange Reise antreten sollten.
Jede der drei großen Nationen der damaligen Menschheit wählte die Kandidaten, aus denen die Mannschaft eines der drei Schiffe zusammengestellt werden sollte. Diese Menschen sollten ihre Kultur und ihre Gene, also das Erbe der Menschheit, über die Grenzen ihres Sonnensystems tragen. Ihre Nachkommen und die Kinder ihrer Nachkommen sollten als Reisende unterwegs sein, um irgendwann die angegebenen Koordinaten 11h 58' 32,13" +43° 56' 53,4" zu erreichen. Nachdem die drei Raumschiffe gestartet waren, konnte der Kontakt zur Besatzung noch über einige Jahre aufrecht erhalten werden, bis irgendwann die Verbindung durch die zunehmende Entfernung immer schwächer wurde. Die Signale brauchten am Ende mehrere Stunden, um den Heimatplaneten zu erreichen. Die Raumschiffe konnten nicht von Anfang an mit Lichtgeschwindigkeit reisen, sondern flogen auf einem Kurs mit konstanter Beschleunigung. Bis zur Hälfte der Strecke sollte beschleunigt werden, um auf der zweiten Hälfte der Strecke den Schub umzukehren und die Geschwindigkeit wieder abzubremsen.
Der Kurs konnte jedoch nicht vollständig programmiert und vorberechnet werden. Auf einer solchen Entfernung und über einen weitgehend unvorhersehbar langen Zeitraum würden eineMenge Faktoren eintreten, die eine dynamische Kursanpassung notwendig machten. Die Reisedauer war daher nicht relevant.
Sie mochte die Vorstellungskraft der Menschen übersteigen und durch notwendige Kursabweichungen, Reparaturen oder die Entwicklung neuer Technologien während des Fluges positiv wie negativ beeinflusst werden. Wahrscheinlich würden sich die Reisenden mit jeder Generation ihrem neuen Umfeld anpassen und sich ändern. Das Wissen um die Steuerung des Raumschiffes und das Ziel der Mission musste von Generation zu Generation weitergegeben werden. Forscher unter den Reisenden würden neue Möglichkeiten zu Beobachtungen bekommen und Entwicklungen vorantreiben, die zum Startzeitpunkt noch nicht absehbar waren.
Durch die zunehmende Beschleunigung trat auch der Einfluss der Relativitätstheorie zutage, der schon beobachtet werden konnte, als der Kontakt zur Erde noch nicht abgebrochen war. Das Zeiterleben der Reisenden differiert von dem der Zurückgebliebenen. Es erscheint, dass die Reisenden langsamer altern. Wie viele Generationen diese Reise dauern würde, war nicht absehbar. Es war klar, dass dies ein Abschied für immer gewesen war und dass sich zu diesem Zeitpunkt die menschliche Rasse endgültig in zwei Rassen zu spalten begonnen hatte."

3. Die erste Reise
Inzwischen ist Nacht über die Gesellschaft hereingebrochen, die sich in der Hütte um Merak versammelt hat. Doch keiner schläft, denn die Angst, die allen in die Gesichter geschrieben steht, ist durch die Worte Meraks dem Wunsch gewichen, mehr von ihm zu erfahren.
"Nun, das sind Mythen, die mancher von uns in ähnlicher Form schon hörte. Wolltest Du uns nicht eine Einsicht offenbaren, die durch altes Wissen überliefert wurde?", unterbricht ihn Phecda.
"Ungeduld ist ein Zeichen von Jugend und Unreife. Ich werde zunächst berichten, wie es denMenschen erging, die diese erste Reise zur Besiedlung ferner Welten und zur Ehre derMenschheit antraten, denn dies ist entscheidend darüber, wie ihr später von ihnen denken werdet. Leider ist bis heute vieles unbekannt, was genau sich auf dieser Reise zugetragen hat, denn von den Menschen, die zurückgeblieben waren, hat niemand mehr etwas von der Besatzung gehört, noch sind die drei Raumschiffe je wieder irgendwo aufgetaucht.
An Bord gingen die Wissenschaftler weiter mit Eifer und Pflichtbewusstsein ihren Forschungen nach. Da die Wissenschaft eine Vielzahl an Problemen zu lösen hatte, war ein großer Teil der Besatzung wissenschaftlichen Tätigkeiten zugeteilt. Die Kinder wurden dazu angehalten, eine sehr solide Ausbildung in allen Naturwissenschaften zu erwerben. Techniken zur Untersuchung von Planeten im Vorbeiflug, zur Schaffung einer Atmosphäre und Urbarmachung von Planeten, Astronomie und Navigation, Verbesserung der Antriebstechnik, biologische und medizinische Studien; das waren nur einige der Aufgaben, denen man sich widmete.
Ein anderer Teil der Besatzung hatte sich um die operationalen Aufgaben an Bord zu kümmern. Es waren trainierte Astronauten, Techniker und Soldaten, die gelernt hatten, eine hierarchische und geordnete Befehlsstruktur zu lieben.
Natürlich beschäftigte sich ein Teil der Besatzung, der sich als Führungsstab und somit als repräsentative Elite der Menschheit und Sprecher der Abgesandten ansah, mit der stetigen Planung und Neuordnung der an Bord bestehenden Gesellschaftsund Sozialordnung. Die Politiker unter ihnen diskutierten Gesellschaftsmodelle für die zukünftige neue Ordnung auf einem zu besiedelnden Planeten und entwarfen zusammen mit den militärischen Befehlshabern Strategien zur Verteidigung gegen Konflikte oder Sabotage von innerhalb der Raumschiffe wie gegen Bedrohungen von außerhalb.
Die Menschheit war damals noch sehr heterogen strukturiert. Verschiedene Rassen und Weltanschauungen waren an Bord der drei Raumschiffe vertreten, von denen eine jede vornehmlich mit den Vertretern einer der drei auf dem Heimatplaneten herrschenden Mächte besetzt war. Waren Ressourcen auf einem der Schiffe knapp oder wurden neue Technologien entwickelt, so wurde häufig um die Verteilung und um Anrechte zwischen den Schiffen gestritten. Durch irgendeinen Anlass, vielleicht auch einen technischen Defekt, an einem der Schiffe, geriet dieses mit einem der beiden anderen Schiffe in einen Konflikt, der sich weiter zuspitzte. Wahrscheinlich hatten falscher Ehrgeiz und Zwietracht die Atmosphäre an Bord bereits vergiftet, denn das dritte Schiff hielt sich aus dem Konflikt heraus statt ihn zu schlichten, der schließlich zu offenen Kampfhandlungen und Gewaltakten eskalierte. Die Bewaffnung beider Raumschiffe war unterschiedlich, so dass ein Schiff durch seine Feuerkraft das andere so stark beschädigte, dass es zur Katastrophe kam. Teilen der Besatzung des stark beschädigten und unwiederbringlich verlorenen Schiffes gelang es, das gegnerische Schiff mit einem Sabotageakt so zu treffen, dass letztlich beide Schiffe zerstört wurden und der größte Teil der Besatzungen umkam."
Plötzlich erzittert der Boden der Hütte und von Ferne ist ein Rauschen zu hören. Die Menschen, die um den alten Merak sitzen, sehen sich angstvoll an. Einen Moment später, als der Schreck zu schwinden beginnt, fragt ein Zuhörer: "Wie konnte die Gewalt bloß so ungehemmt ausbrechen? Was waren es doch für primitive Wilde, wenn so etwas möglich war?" "Diese Menschen aus heutiger Sicht zu verurteilen, ist einfach!", erwidert Merak, "Aber so bedeutsam Euch diese Katastrophe erscheinen mag; sie ist nicht mehr als der Anfang einer Entwicklung, die sich über die vielen hundert Generationen, in denen die Reisenden unterwegs waren, fortführte. Die nachfolgenden Generationen waren sehr wohl mit dem Wissen um Technik und das Ziel der Mission des nunmehr verbleibenden letzten Raumschiffes ausgestattet. Nur war das Weltbild damals so, dass der Mensch es als sein Anrecht ansah, sich nicht nur andere Menschen, sondern auch Tiere und sogar ganze Planeten Untertan machen zu dürfen. Aus diesem Selbstverständnis heraus erklärte sich auch die Gesellschaftsordnung auf ihrem Heimatplaneten und an Bord. Während die Naturwissenschaft fortschritt zu immer neuen Erkenntnissen, so wurden diese vielfach in Verteidigungs- und Waffentechnik eingesetzt, wogegen die Menschen an Bord kaum Fortschritte in spirituellen oder ethischen Dingen machten.
Die Moral blieb hinter Machtansprüchen zurück und die Reisenden sahen es als Teil ihrer Mission an, die menschliche Art dominant im Universum zu verankern. Denn so ist der Fluch, der schon von Anbeginn der ersten Zivilisation auf denMenschen liegt: der Fluch des Laios, dem Vater des Ödipus, durch seiner eigenen Kinder Hand zu sterben. Und so war und blieb der Mensch selbst sein gefährlichster Gegner, vor dem es sich zu schützen und gegen den es vorzugehen galt. Die Entsendung der drei Raumschiffe war ja bereits ein Versuch der Menschheit, sich dem Schicksal der Selbstauslöschung auf dem Heimatplaneten zu entziehen.
Ähnlich alt war eine weitere Eigenschaft: die der Abgrenzung einer Gruppe von der anderen, die im Laufe der Generationen die Reisenden prägte. Man sah sich als Mitglied der Besatzung einer eigenen Rasse Menschen als zugehörig an, einer Art Sternenmenschheit. Mit jeder Generation nahm dasWissen über den Heimatplaneten ab; die Abspaltung von den Erdmenschen nahm in den Köpfen der Raumfahrenden zu.
Leider blieben auch die Auswirkungen der Reise in anderer Hinsicht für die Sternenmenschen nicht folgenlos. Die kosmische Strahlung - schwankend - aber weit stärker als die Biologie des Menschen dies von Alters her gewöhnt war, führte zu schweren Mutationen und zu einer Schwächung jeder nachfolgenden Generation.
Immer häufiger musste die nächste Generation, um den genetischen Zerfall zu verhindern, als Klonung aus der vorigen erzeugt werden. Manche inneren Organe erwiesen sich als besonders anfällig gegenüber der Langzeitwirkung der kosmischen Strahlung, die nie zuvor so stark über einen so langen Zeitraum auf menschliche Wesen eingewirkt hatte wie bei den Reisenden an Bord. So wurde bei vielen so manches Organ durch ein künstliches ersetzt und große Fortschritte auf dem Gebiet der Bionik - der Kombination aus organischen Bauteilen und künstlichen - erzielt. Das alteWissen des Heimatplaneten wurde allmählich zu einer Religion. Und diese Religion wurde für die Bionten, die Nachfahren der Reisenden, schließlich zum Mythos. All dies sind Prozesse, die im Laufe vieler Generationen stattfanden. Die Legende vom Ursprung der Menschen wurde neu gedeutet. Propheten und Philosophen bildeten die Vordenker einer neuen Kultur einer sternreisenden Rasse. Legenden und Sagen, die auf den Urphantasien der Menschheit basieren, beflügelten die Köpfe. Die Ideologie der Sternmenschen blieb auf 'Dominanz und Überlebenskampf' ausgerichtet. Ihr könnt dies vielleicht verstehen, denn ich habe euch nun geschildert, wie die harten Lebensbedingungen an Bord dazu geführt haben. Die klassische Trennung der Geschlechter in männliche und weibliche Wesen, begann sich aufzulösen. Ob wir hierbei von einem Aussterben der Männer oder mehr einer Verschmelzung der Geschlechter sprechen dürfen, sei dahingestellt. Jedenfalls war letztlich die Gesellschaft der Reisenden sehr homogen aufgebaut: eine Rasse von Suchenden nach Herrschaft, von Wesen, krank an Körper und Seele. Die Zeit an Bord währte endlos, während sie durch die Reisegeschwindigkeit des Schiffes außerhalb nur so davonraste. Ihrer Vergangenheit weitgehend beraubt, waren sie eine körperliche Symbiose mit ihrem Raumschiff eingegangen und wichen von ihrem ursprünglichen Kurs immer häufiger ab, um Planeten zu untersuchen, auf denen sie Leben vermuteten.
Vieles wurde erforscht, entwickelt und entdeckt, aber eine andere Lebensform wurde - so darf man annehmen - auf keinem der untersuchten Planeten je gefunden. Es erfordert wohl wirklich die Erfüllung zu vieler Faktoren, damit auf einem Planeten Leben entsteht. Noch weniger wurde ein Planet gefunden, der so beschaffen gewesen wäre, dass er für Menschen dauerhaft bewohnbar wäre.
Die Besiedlung in Form einer künstlichen Atmosphäre in einer Stadt unter einer Glaskuppel wäre technisch zwar möglich gewesen. Ein solcher Planet kann aber nicht als natürlicherweise bewohnbar bezeichnet werden. Es wurde kein geeigneter Planet zur Besiedlung gefunden, jedenfalls nicht, solange man noch nach solchen Ausschau hielt. Weiterhin Planeten zu untersuchen, im Bestreben, dieMission der Reise zu erfüllen, galt nach einigen Jahrhunderten als ein Anzeichen, dass man einer alten, überkommenen Denkweise nachhing. Mit der möglichen Gefahr vor Augen, durch kosmische Katastrophen oder fremde Mächte vernichtet zu werden, wurden immer bessere Waffen und Techniken entwickelt. Disziplin und Entbehrung waren an Bord normal und hielten die Gemeinschaft zusammen und am Leben.
Liegt ein Wissen um eineKultur lange genug zurück, so dass von ihr nur noch Mythen berichten, so können nach langer Zeit Bestrebungen entstehen, mit Neugier sich dem Vergangenen wieder zuzuwenden. So entstand, lange nachdem die Reisenden ihre ursprüngliche Mission vernachlässigt hatten, die Bewegung der Rückbesinner unter den Bionten. Sie erforschten die alten Schriften, denn weil niemand diesen seit langer Zeit Beachtung geschenkt hatte, mussten sie neu übersetzt werden. Ihre Interpretation geriet zu einer Art Religion, der sich im Laufe einiger Jahre eine große Zahl der Bionten anschlossen. Und schließlich beschlossen die Sternreisenden, sich ihrer ursprünglichen Mission wieder anzunehmen und nahmen den Kurs gen 11h 58' 32,13" +43° 56' 53,4" wieder auf."

4. Zion
Unmittelbar als Merak innehält, ist draußen das zu hören, was die Gesellschaft in der Hütte in Angst und Trauer versetzt. Wie schon seit Tagen, so treibt auch jetzt der Wind die Hitze der Flammen über die Länder von Eden und trägt die Stimmen derer mit sich, die in ihnen ihr Leben lassen müssen. Daraus hervor tritt diese Art von Donner, über dessenUrsprung die Menschen, die in der Hütte um den altenMerak versammelt sind, sich noch nicht endgültig klar sind. Sie wissen, dass der Donner den Tod bringt und die Vernichtung mit Explosionen und Flammen seit Tagen ein Land nach dem anderen verheert. Die Einwohner von Eden sind gezwungen dem machtlos zuzusehen, auchwenn es keine Gewalt der Natur ist, die dies bewirkt. Von einem großen archaischen Raumschiff mit fremdartigen Wesen, das vor einigen Tagen wie aus dem Nichts aufgetaucht ist und seither jedes Leben zu zerstören begonnen hat, ist die Rede.
Einige Kinder beginnen laut zu weinen und können trotz der Bemühungen ihrer Mütter kaum beruhigt werden. "Du hörst, Merak, dass das Ende immer näher rückt!", ruft Phecda, "Was hältst Du uns auf, mit Deinen alten Mythen? Sollen wir in unserer Lage auf eine Rettung durch diejenigen warten, die schon vor so langer Zeit aufgebrochen und verschollen sind? So lange schon leben wir in Eintracht auf Eden und waren es zufrieden, solange wir dachten, dass es im Universum keine Feinde unserer Rasse geben würde, weil es keine andere Rasse gab, der wir jemals begegnet wären. Willst Du uns nun, in unserer schwersten Stunde, alte Geschichten unserer Vorfahren erzählen, die uns die Hoffnung auf Rettung offenbaren können? Lasst uns die Götter anrufen, denn diese sind unsere einzige Hoffnung, bevor es zu spät ist!" Doch unbeirrt von den Worten Phecdas fährt Merak fort. Man merkt ihm an, dass er seinen Bericht schneller voranzubringen versucht, nicht wegen Phecdas Ungeduld, sondern weil auch Merak klar wird, dass Eile geboten ist. "So höre, was ich sage, Phecda! Von Hoffnung habe ich nicht gesprochen. Ebenso wenig sollst Du von falscher Hoffnung sprechen. Ich rede von dem was kommt und versuche es Euch zu erklären, damit ihr es zumindest versteht, wenn es so weit ist. Vielleicht haben wir unser Schicksal verdient und haben nicht das Recht, hier einzugreifen. Als die Nachfahren der Sternenmenschen, Bionten, durch eine Art Renaissance ihrer ursprünglichen Mission, wieder den Kurs auf den Planet am Rande von NGC 4013 aufgenommen hatten, musste ihre Reise schon so lange angedauert haben, dass keine Generation daran glaubte, dass ausrechnet sie den Moment erleben würde, da dieses Ziel zu erreichen wäre. Wie groß muss dann die Hoffnung derer gewesen sein, als der Planet dann doch eines Tages so nah war, dass man beginnen konnte, den Zielkurs genauer festzulegen und ihn durch Messungen und Beobachtungen zu erforschen. Die Mission besagte, dass der Zielplanet die richtigen Eigenschaften besäße, um eine Besiedlung zu ermöglichen ohne dauerhafte technische Eingriffe. Die Mission besagte, dass der Zielplanet frei von eigenem Leben vorgefunden werden würde. Doch die Mission irrte sich in einem Punkt.
Der Planet, den das Raumschiff als nächstes erreichen würde, musste der Zielplanet sein - erwartet und doch nicht von allen geglaubt wie die Erlösung von so langer Irrfahrt durch einen Messias. Doch schon bald muss den Bionten kurz nach Ortung des Planeten klar geworden sein, dass er zwar die vorausgesagten Bedingungen zu Besiedlung besitzt, jedoch auch bereits besiedelt ist. Überall auf dem Planeten waren Spuren von Leben, eine wenn auch nicht dichte, so doch über den gesamten Planten verteilt lebende Rasse hatte ihn bereits zu ihrerWohnstatt gemacht. Die Bionten waren natürlich nicht bereit, dies zu akzeptieren und bereiteten sich darauf vor, dem Widerstand, mit dem sie rechneten, aus ihrer Sicht angemessen zu begegnen. Da der Planet wirklich so zu sein schien, wie es in der Verheißung stand, so sollte die Menschheit hier ihr Armageddon erleben. Der letzte Kampf, quasi die Probe, welche die Rasse bestehen muss, um in ihr neues Paradies, ihr Zion, zu gelangen. Von einer 'Rückeroberung des Paradieses' werden so manche gesprochen haben. Als man sich Zion näherte, versuchte man vermutlich eine Kommunikationsverbindung mit den Wesen, die dort lebten, aufzubauen. Dies gelang jedoch nicht, da die Bewohner des Planeten anscheinend keinerlei Technik dafür zu besitzen schienen. Dies musste bei den Bionten natürlich den größten Argwohn wecken. Waren sie nicht schon seit undenkbaren Zeiten nur mit und durch ihre Technik existent? Bestanden ihre Körper, durch die gnadenlose kosmische Strahlung und Generationen der Mutation gezeichnet, nicht zu einem erheblichen Anteil aus technischen Komponenten? Wie fremdartig müssen ihnen die Lebewesen auf dem ihnen durch ihre Mission versprochenen Zion vorgekommen sein? So fremdartig, dass sie nicht bereit waren, eine Koexistenz zu wagen. Zion musste also, das mögen die Theologen der Bionten auf noch vielfältigere Weise begründet haben, zunächst einer Reinigung von allem Andersartigem unterzogen werden..."

5. Die rote Sonne
In seiner Erzählung redet Merak nun mit deprimierter Stimme. Die Temperatur in der Hütte steigt merklich an, was wohl nur zum geringenAnteil an den Anwesenden liegt, sondern durch den warmen Wind verursacht wird, der draußen weht und Rauchgeruch mitführt.
Merak fährt fort: "Die Reise der Bionten als der ersten Gruppe unserer Vorfahren, die von ihrem Ursprungsplanet aufgebrochen war, war sinnlos, aber das konnten sie nicht erkennen. Die Idee ihrer Mission, dem Untergang der eigenen Rasse durch eine lange Reise zu einer neuen, friedlichen Heimat, zu entfliehen, enthielt zwar einen Hoffnungsanteil; aber diese erste Reise musste dabei so lange dauern, dass das Geschlecht der Reisenden durch den technischen Fortschritt der Zurückgebliebenen von einer später gestarteten Gruppe überholt werden konnte. Dass dies so war, möchte ich euch noch berichten, jedoch geschah es nicht so, wie man erwartet hätte. Man hörte nie mehr etwas von denen, die zuerst gestartet waren.Man dachte, wahrscheinlich seien alle drei Raumschiffe zerstört worden und alle umgekommen oder vom Kurs abgewichen oder trieben in der endlosen Weite des Universums.
Die Menschenrasse auf dem Ursprungsplaneten - das ist etwas, dass ihr wissen solltet, wenn ihr Euch noch daran erinnert, was man Euch in Eurer Jugend beigebracht hat - hat jedoch wirklich viele Generationen später wieder eine Menschengruppe fortgeschickt. Dieser Aufbruch fand jedoch nicht statt, um der kriegerischen Vernichtung durch die eigene Rasse zu entgehen. Dass dies noch nicht geschehen war, war Ergebnis eines sehr langen Entwicklungsprozesses, dessen Ausgang mehr als einmal sehr ungewiss war. Die vonMenschen verursachten Probleme waren auf der Erde längst gelöst. Umweltkrisen waren überwunden, Kriege gab es nicht mehr. Die Rasse hatte sich selbst befriedet, denn sie hatte noch rechtzeitig erkannt, dass in dieser Errungenschaft der wahre Fortschritt liegt. Aggressionen können seither kontrolliert werden. Das Geschlecht der Männer war genetisch längst überflüssig geworden und die Art desMannes in der ursprünglichen Form, als das triebhaftere und aggressivere Geschlecht, nicht mehr vorhanden.
Jedoch die Lebensdauer der irdischen Sonne währt nicht ewig und kosmische Katastrophen lassen sich nicht immer vorhersehen. Der Staub und die Strahlung einer Supernova, einer Sonnenexplosion in einem benachbarten Sonnensystem, zog die Erde inMitleidenschaft und zwar so stark, dass die vor üblichen kosmischen Gefahren schützende Atmosphäre hierbei nur teilweise die Folgen lindern konnte. Diese Entwicklung geschah in einem solchen Tempo, dass die Katastrophe zwar absehbar wurde, aber die Zeit zum Handeln drängte. Denn das kosmische Strahlungsfeld hüllte die Erde immer mehr ein und erreichte schließlich die Sonne, auf deren lebensspendende Kraft alles Leben angewiesen war.
Jede Sonne hat bekanntermaßen eine begrenzte Lebensdauer, doch die Entwicklung der Sonne wurde durch das Zusammentreffen mit dem Sternenstaub der Supernova so stark beschleunigt, dass sie sich viel schneller und früher zu einem roten Riesen ausbrannte, der das Ende ihrer bisherigen Rolle als lebensspendende Quelle für die Erde einläutete. Ungeheure Energiemengen wurden frei und drohten das Leben auf der alten Erde endgültig zu vernichten. Es wurde im Laufe der darauffolgenden Jahrhunderte klar, dass nun wirklich eine Endzeit bevorstand und die Ara ¨ 'Erde' definitiv zu Ende ging. Diese Erkenntnis setzte sich nur schwer und natürlich nicht bei allenMenschen durch, denn Endzeitpropheten hatte es zu allen Zeiten immer wieder gegeben.
Als wissenschaftliche Erklärung für die drohende Katastrophe der Erde war von einer sogenannten 'Supernova-Kettenreaktion' die Rede, aber vielleicht stand sie gar nicht wirklich imWiderspruch zu den religiösen Erklärungsversuchen, die hierbei ins Blickfeld gerieten.
Der Schöpfungsmythos in der christlichen Bibel konnte wie so oft von einigen theologischen Strömungen auch hier wörtlich interpretiert werden. Demnach irrte die Wissenschaft insofern, dass kosmische Zeitspannen falsch berechnet wurden. Die lineare Zeitthese muss demnach verworfen werden und der exponentiellen weichen. Der Schöpfungszeitpunkt der bisherigen Daseinsform der Dinge kann auf nur 4000-5000 Jahre gerechnet werden, wenn man die Lebensspannen der Menschen mit den in der Bibel erwähnten Generationen seit Adam und Eva multipliziert. Wenn man dann die gemessenen Abläufe der Sonnenlaufbahn und die daraus prognostizierte Lebensdauer eines Sterns mit den nur sieben Tagen der Schöpfung korreliert, so stünde die Entwicklung aller Sonnen, nicht nur der irdischen, unmittelbar vor dem Endstadium eines sogenannten 'roten Riesen' einer Entwicklung, die viel schneller verlaufen wird, als allgemein angenommen. In dem Maße wie die Sonne sich ausdehnte, wurde das Leben auf der Erde in Mitleidenschaft gezogen. Klimaschwankungen nie gekannten Ausmaßes, Fluten und Stürme suchten den Planeten heim und unzählige Lebewesen fanden den Tod. Die Temperaturen stiegen zuerst, dann fielen sie rapide im Laufe weniger Monate. Das Ende der Erde war dunkel und kalt, so wie der Anfang hell und heiß war. Glaubt mir, Genossen, die uns zugestandene Zeit war kürzer als wir dachten und wir hätten sie besser nutzen sollen. Was kann unsere Rasse bis heute vorweisen?"

6. Die zweite Reise
"Die Menschheit auf der immer unwirtlicher werdenden, sterbenden Erde, hätte ihr Gleichgewicht gefunden, wenn dies nicht eingetreten wäre. Weltraumreisen und militärische Technologien wurden nicht mehr entwickelt, denn wie ihr wisst, Genossen, sind diese, solange eine Gesellschaft hierin immer neue Kräfte investiert, stets Anlass für Instabilitäten des Sozial- und Ökosystems und letztlich ein Risiko, dass nicht nur Ungerechtigkeiten und Missgunst hervorbringt, sondern vor allem dadurch auch das nachhaltige Überleben der Rasse zu einem Risiko werden lässt. Aber die Menschheit wusste sich vermeintlich zu retten.
Ihr könnt Euch dies denken, denn sonst wären wir alle nicht hier beisammen auf unserer Heimat Eden, die uns für eine lange und gute Zeit schon Heimstatt bietet.
Die Menschheit verfügte zur Zeit der roten Sonne, die auf der Erde das Ende in greifbare Nähe rücken ließ, noch immer über das Wissen über all die technischen Errungenschaften, die bis zuletzt entdeckt worden waren, auch wenn diese vom Alltag verbannt waren.
Materietransformation war theoretisch erklärbar und daher gelang es, eineMaschine zu konstruieren, mit der zirka viertausend Personen, sowie die nötigen Pflanzen, Tiere und Informationen nach Eden transportiert werden konnten.
Das erforderte zwar bekanntermaßen eine Unmenge der auf der Erde vorhandenen Energie, die man zuvor nie aufzubringen geglaubt hatte. Aber es wurde getan, weil es nichts zu verlieren gab. Die Menschheit evakuierte einen Teil ihrer selbst um nicht zugrunde zu gehen. Durch die rote Sonne war so viel Energie vorhanden, wie zu keiner anderen Zeit zuvor. So gab es ein späteres, zweites Lebewohl dieser viertausend Menschen von der Erde von der Mehrzahl der Zurückgebliebenen. Der Transwarp- Sprung nach Eden durch ein mit hohen Energien temporär geschaffenes Wurmloch, das eine Reise durch die n-te Dimension ermöglichte, gelang und quasi zur gleichen Zeit war das Ziel Eden erreicht.
Während der erste, lange zurückliegende und von fast allen vergessene Versuch der Menschheit, unter einem anderen Stern eine neue Heimat zu errichten, nach endloser Reise für die Erdenmenschen ins Unbekannte verlaufen war, war es dieses Mal eine umso raschere Reise.Wie viel Zeit diese zweite Reise benötigt hatte? Diese Frage zu stellen ist sinnlos, da Zeit immer abhängig ist von dem, der sie misst und der Übergang durch das Wurmloch in diesem Sinne keine messbare Zeit benötigt hat.
Eine Rückkehr oder auch nur eine Verbindung zur Erde war unmöglich. Es wurde eine neue Kultur gegründet, unsere, die wir hier verkörpern und durch die wir uns als die Erben der irdischen Menschheit bezeichnen. Man musste mit vielem von vorn beginnen, da die Welt, auf der man ankam, unbelebt war. Aber mit in Jahrhunderten stabiler friedlicher Eintracht geschaffenen, hervorragenden sozialen Errungenschaften, nach denen jeder einzelne Bürger der Viertausendschaft auch gründlich ausgesucht und getestet worden war, wurde eine neue Heimat geschaffen, der man den Namen 'Eden' gab, dem Planeten, der um unsere Sonne 'Alkaid' kreist."

7. Der Fluch
Merak schaut die Anwesenden mit weit aufgerissen Augen an und erhebt seine Stimme: "Doch der alte Fluch der Menschheit, den sie längst glaubte überwunden zu haben, den die meisten schon vergessen hatten, er erfüllt sich nun! Dass es auf unserer alten Heimat, der Erde, noch Leben gibt, muss inzwischen als ausgeschlossen angesehen werden. Wir werden es jedenfalls nicht mehr erfahren. Niemals ist ein zweiter Transport von der Erde bei uns in Eden angekommen.
Doch jetzt steht eine Ankunft bevor, eine Ankunft einer Rasse, die sich vielleicht wie wir im Recht auf die Nachkommenschaft jener Ur-Menschheit sieht. Homide wie wir, lediglich durch ihre langen Anpassungen an ein lebensfeindliches Umfeld zu halben Maschinen mutierten Weltraumwesen nicht gleich als solche zu erkennen. Sie tragen die alten Gedanken des Anspruchs auf Dominanz in sich.
Sie haben die alten Aggressionen nicht überwinden können. In gewisser Weise sind es Spartaner. Man schickte Soldaten, Patrioten, Verzweifelte auf den Weg mit der ersten Reise. Und soviel kosmische Strahlung ihnen auch zugesetzt und ihre Kinder und Kindeskinder geformt hat: Soldaten - das sind sie, als die sie nun bei uns ankommen! Wir, die Nachkommen der zweiten Reise, sind weiterentwickelte soziale Wesen. Unfähig zu Aggression und Destruktion. Nie hatten wir selbst Erfahrungen gesammelt mit der Niedertracht. Wir leben in Meditation und Frieden. Wir suchen in uns selbst nach neuen Welten und fanden dort unser Glück.Wir definieren uns im Einklang mit den anderen Kreaturen, die mit uns und durch uns unser Schicksal auf Eden teilen. Erkennt nun: der Mensch ist ein ewig einsames Wesen auf der Suche nach seinem Woher und Wohin. Er kann mit der Größe des Universums nicht fertig werden. Stets steht er ihr mit einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber. Er versucht alles, um damit fertig zu werden. Doch am Ende muss er immer wieder seine Nichtigkeit und Einsamkeit erkennen. Es ist für ihn, als sei das Universum der einsamste Ort, der vorstellbar ist. Nur erschaffen als Exil für ihn. Und er versucht diesem 'All' zu entfliehen, in der Hoffnung auf ein stetiges Nochmehr oder Anderswo. Der Mensch muss einsam bleiben, obgleich er es in Wahrheit nicht ist: Er erkennt bloß nichts anderes als sich selbst und daher fühlt er sich einsam. Diese Einsamkeit hat ihn schon vor langer Zeit gefährlich gemacht. Dies zu kurieren war die größte Errungenschaft in unserer Evolution, sie hat aber auch bewirkt, dass wir uns nicht mehr alsMenschen bezeichnen können. Wir sind dadurch wirklich zu neuen Wesen geworden.
Nun erkennt der Bruder nicht mehr den Bruder. Er kann nicht mit ihm reden und daher kann keiner dem anderen einen Platz nebeneinander freimachen. Unser Eden zerstören sie um es zu erobern. Sie wollen keine Vermischung mit uns, die wir für sie nur 'Eingeborene' sind. Auch das mag sich schon zu Urzeiten in unserer Geschichte in ähnlicher Form zugetragen haben. Sie wollen den Planeten sterilisieren.
Nicht nur von uns, sondern von allem Leben. Mit ihrer eigenen Art wollen sie hier neu beginnen. Vielleicht zerstören sie nicht zum erstenMal eine Zivilisation.Wahrscheinlich werden sie nicht einmal bleiben und die Früchte ihrer Eroberung ernten können.
Auf der Suche nach ihrem Ziel, das sie nicht erkennen werden, auch wenn es vor ihnen liegt, werden viele wohl irgendwann wieder weiterziehen. Sie suchen ruhelos nach ihrem Schöpfer und geben dabei vor, sie suchten nach anderem Leben. Aber sie suchen in Wahrheit nur nach ihrer Selbstbestätigung, dass sie ihrem Schöpfer – noch immer - ähnlich sind undwertschätzen dabei nicht, welch eine Vielfalt im Universum existiert. Denn sie wollen nicht erkennen, dass es ihr ursprüngliches Ziel für sie nicht mehr gibt. Stattdessen werden an ihrer StelleMaschinen und Bionten herrschen und so entthront sich unsere Spezies schließlich selbst.
Der böse Virus, die Gier, ist von der Menschheit auf das Universum wie eine Krankheit losgelassen worden; und jetzt ist es einWiedersehen ohne Erkennen, wie sich unser Fluch an uns erfüllt. Wisst ihr, Kinder, heute morgen hörte ich vom Fall der Städte auf der anderen Halbkugel. Die südliche Hemisphäre brannte und sie werden mit dem Licht des neuen Tages auch bei uns sein. Es ist Zeit für uns, wir müssen ruhen. Denn wisst ihr, dass man unsere Sonne Alkaid, auch 'Klageweib' nannte? Um nun zum Glauben an die Götter zurückzukehren, Phecda, mit dem Du uns zu Anfang Hoffnung geben wolltest: Wir glauben, dass die Aufgabe der Götter darin besteht, um uns klagen, ab Morgen für alle Tage."
Die ersten Blitze sehen sie flackern am wolkenlosen Horizont, als orange die Sonne von Alkaid den Morgen erhellt.

Hennef, Oktober 2005