Roman Stumm
Gottestraum
Wo soll ich anfangen? Hat dies einen Anfang? Gäbe es einen Anfang, dann dürfte es mich und alles was ich zu berichten habe nicht geben. Die Frage nach dem, was mein Schicksal ausgelöst hat, ist genauso unmöglich zu beantworten, wie die Frage nach dem Anfang des Universums, des Seins an sich oder nach dessen Ende.Ich wollte es selbst nicht wahrhaben, doch nun stehe ich vor der schwerstenEntscheidung meines Lebens, wahrscheinlich der schwersten Entscheidung aller meiner Leben. Ich muss zunächst dort beginnen, wo meine Erinnerung einsetzt: in meiner Jugend.
Ich habe weder meine Mutter noch meinen Vater bisher gekannt, obwohl auch das nicht ganz stimmt. Wie soll ich es sagen? Meine Mutter verstarb kurz nach meiner Geburt. Doch gestern habe ich sie kennen gelernt. Meinen Vater habe ich zwar nie getroffen, aber er ist der Mensch, den ich am besten kennen sollte. Er und meine Mutter waren nur kurze Zeit zusammen, dann wurde sie schwanger und er ließ sie sitzen. Er hat sich nicht mehr bei ihr gemeldet und ein paar Wochen später erfuhr sie davon, dass er sich an einer Uberlandstromleitung erhängt hat. Ich habe meinen Vater immer verachtet, für seine Feigheit, seine Verantwortungslosigkeit und habe mich für ihn geschämt. Woher er kam und wieso er den Freitod wählte war mir unbekannt. - Bis vor kurzem. Doch dann wollte ich es zuerst nicht glauben. Jetzt muss ich nicht ihn verachten, sondern mich selbst.
Ich bin ohne Verwandte in verschiedenen Heimen aufgewachsen. Meine Jugend habe ich als Außenseiter erlebt. Etwas ist falsch an mir, das hat mir jeder in meinem Umfeld suggeriert: meine Mitschüler, die Erzieher, Lehrer, Ausbilder. Meine Gedanken sind falsch, nicht eingepasst in das Schema. Meine Ausführungen unverständlich, meine Bewegungen lächerlich, meine Entscheidungen nicht nachvollziehbar, absurd. Ich bin eine Person, die nicht hätte sein sollen, etwas, dass nirgends hineinpasst. Ich bin nicht am rechten Platz. Dieses Gefühl vermittelt zu bekommen prägt und belastet sehr stark, aber ich habe es geschafft mich nicht davon entmutigen zu lassen. Ich habe die Schule und ein Studium mit Stipendium absolviert. Als Techniker und Physiker habe ich mir einen Namen gemacht, denn meine Arbeiten, obwohl auch sie zuerst nicht ernstgenommen und belächelt wurden, hätten sich bald als bahnbrechend für den technischen Fortschritt der Menschheit erwiesen. Ich stand kurz vor meiner bislang revolutionärsten Entwicklung, die aus der praktischen Anwendung theoretischer Physik und der Relativitätstheorie hervorgegangen war. Ich muss es deshalb erwähnen, weil mich die Arbeiten an meiner letzten Erfindung in meine jetzige Krisensituation gebracht haben.
Meine Maschine – ich nenne sie Nullzeitschrank – hätte viele Probleme der Menschheit gelöst und nicht nur einen Fortschritt bei der Konservierung von Nahrungsmitteln bedeutet. An diesem Beispiel lässt es sich dem Laien jedoch am einfachsten erklären, denn jeder kennt das Prinzip, nach dem ein Kühlund Gefrierschrank arbeitet. Die darin aufbewahrten Speisen unterliegen einem langsameren Verfall, der durch die abgesenkten Temperaturen eine gebremste biologische Entwicklung von Keimen bewirkt. Betrachtet man die Temperatur, die nichts anderes als ein Energiezustand ist, als eine Dimension im Raum-Zeit-Gefüge, so kann man sagen, dass ein Gefrierschrank die darin aufbewahrten Lebensmittel konserviert indem er eine Dimension im Bezug auf ihr Umfeld (die Welt außerhalb des Gefrierschranks) reduziert ablaufen lässt. Der Nachteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand: Alles, was man darin aufbewahrt, wird kalt, gefriert und nimmt dadurch unter Umständen Schaden. Warme Speisen können nicht konserviert werden, lebende Wesen in den meisten Fällen auch nicht. Bevor man die Speisen nutzen kann, müssen sie wieder erwärmt werden.
Dazu bedarf es der Energiezufuhr, was natürlich Kosten verursacht. Viele einmal gekühlte oder gefrorene Dinge, z.b. Obst sind nach dem Auftauen in ihrer Qualität beeinträchtigt, matschig, können kein zweites Mal eingefroren werden usw.
Seit langem durch die Relativitätstheorie bekannt ist die Tatsache, dass die Zeit für Dinge und Lebewesen, die sich mit hoher Geschwindigkeit, im Idealfall der Lichtgeschwindigkeit als der höchst möglichen, bewegen langsamer vergeht als für ihr Umfeld. Dies kann auch beobachtet werden, wenn die Zeit von zwei synchronen, identischen Uhren, von denen eine für längere Zeit in einem Raumschiff mitgereist ist, nach der Rückkehr verglichen wird. Die Uhr, die im Raumschiff mit hoher Geschwindigkeit bewegt wurde, geht nach, weil für sie die Zeit langsamer vergangen ist.
Ich habe es geschafft, mir diese Erkenntnis in praktischer Anwendung zunutze zu machen, um einen Nullzeitschrank zu konstruieren, in dem die Dinge quasi virtuell mit Lichtgeschwindigkeit bewegt werden. Sie schleudern darin nicht wirklich so schnell umher, sonst könnten sie leicht Schaden nehmen. Was den Zeitverlauf angeht, wird dennoch der gleiche Effekt erreicht. Dadurch können auch warme Speisen, frisches Gemüse, lebende Wesen so durch die Zeit in die Zukunft transportiert werden, dass für die Dinge im Nullzeitschrank kaum ein Moment vergangen ist, wenn man sie nach Tagen oder Wochen entnimmt. Eine Suppe könnte man offen und heiß hineinstellen und sie käme unverändert wieder heraus. Sie können sich selbst ausmalen, was die vielfältigen Konsequenzen und Anwendungsmöglichkeiten dieser Technik sind.
Die Konstruktion war dadurch möglich, dass ich als erster ein Paradoxon im Raum-Zeit-Gefüge entdeckt habe, und es technisch nachstellen und nutzbar machen konnte. Ich ahnte jedoch nicht, dass ich möglicherweise selbst ein Teil dieses Paradoxons bin oder zumindest diesem zum Opfer fallen würde. Vor ein paar Tagen geschah bei Versuchen mit dem Nullzeitschrank der Unfall, der mich in meine furchtbare Lage versetzt und mir gleichermaßen das Ausmaß der Katastrophe vor Augen geführt hat.
Dass die Gegenstände innerhalb des Nullzeitschrankes aus der Sicht des Betrachters keine Zeitveränderung erfahren haben und daher in die Zukunft gereist sind, habe ich ihnen ja soeben zu erklären versucht. Dass dies umgekehrt auch bedeuten kann, dass Zeitsprünge in die Vergangenheit möglich sind, galt als ausgeschlossen. Vielleicht durch eine fehlerhafte Abdichtung oder vertauschte Polung wurde ich jedoch bei der Erprobung des Nullzeitschrankes Zeuge, wie nicht der Inhalt des Schrankes in die Zukunft, sondern das Umfeld des Schrankes – also mitunter ich selbst – in die Vergangenheit katapultiert wurde! Ich befand mich nach dem Unglück im Jahr 2002, also ein knappes Jahr vor meiner Geburt, am gleichen Ort, dem Laborraum, der damals noch nicht gebaut war. Außer der Kleidung, die ich trug, und der Messsonde, die ich in Händen hielt als es passierte, hatte ich nichts um mich außer grüner Wiese, einer Weide offenbar.
Leider fehlte auch der Nullzeitschrank und damit die Möglichkeit zur Rückkehr, wie auch immer ich es hätte anstellen sollen. "Spiel nicht mit Anomalien des Raum-Zeit-Kontinuums herum!", bin ich von Kollegen gewarnt worden. - Zu spät, beziehungsweise zu früh...? Ach, sie verstehen schon.
Ich befinde mich nun also in der Vergangenheit, wenn ich das aus meiner persönlichen Sicht mal so sagen darf. Wenn mein größtes Problem nur darin bestünde, eine Möglichkeit zur Umkehrung des Zeitsprungs zu finden oder mich für den Rest meiner Tage mit einem Leben in dieser Zeit – wahrlich nicht der schlechtesten, die ich hätte antreffen können – zu arrangieren, dann wäre ich jetzt nicht so verzweifelt. Meine Lage ist aber weitaus schlimmer, weitaus.
Mein Vater hatte vor seinem Selbstmord einen Abschiedsbrief hinterlassen, dessen Bedeutung ich nie durchschaut hatte und mir auch nie die Mühe gemacht habe, darüber Nachforschungen anzustellen. Mein Vater war verantwortungslos, ein Niemand ohne Vergangenheit und Herkunft, ehrlos gestorben. Ich glaubte, er habe mich im Leben alleingelassen und gab ihm die Schuld am Tod meiner Mutter.
Gestern bin ich ihr begegnet, einer bezaubernden jungen Frau. Ich wusste nicht, wer sie ist und unsere Namen haben wir nicht genannt. Wir haben uns getroffen, durch Zufall, als ich im Park spazieren ging und über meine Lage nachdachte.
Sofort in dem Moment, wo unsere Blicke sich trafen, spürte ich etwas magisches.
Eine tiefe Verbundenheit war zwischen uns, die ich mit Worten nicht beschreiben kann. Ja, es war echte Liebe, doch nicht die Art von Liebe zwischen Mutter und Sohn. Wir sprachen miteinander, lange, und keiner ahnte etwas vom anderen.
Wir verstanden uns auch ohne Worte und so saßen wir eine Stunde oder länger nebeneinander im Park, hielten uns an den Händen und sahen uns an. Während ich neben ihr saß, spielte es für mich keine Rolle, in welcher Zeit ich mich befand, und wie mein weiteres Schicksal bestimmt ist. Wir verabschiedeten uns, haben uns aber für heute Abend wieder verabredet. Doch vor diesem Treffen fürchte ich mich. Ob ich dort hingehe und wie ich mich verhalte ist die Entscheidung, die ich jetzt zu fällen habe.
Natürlich wollte ich zu dem Treffen gehen, natürlich war ich überglücklich so plötzlich die Frau getroffen zu haben, auf die ich mein ganzes Leben lang bisher vergeblich gehofft habe. Es spielte keine Rolle, dass ich diesen Menschen in der Vergangenheit getroffen habe, denn einen Rückweg gibt es für mich nicht. Ich ahnte nicht, wen ich da kennen gelernt habe, dass sie meine Mutter ist. Ist sie es überhaupt oder wird sie es sein? Ich weiß es nicht.
Ich musste an den Abschiedsbrief meines Vaters denken, und die Worte, die ich davon noch wusste, gefroren mir in meinem Kopf zu Eis, schnitten sich in meinen Verstand, lähmten meinen Atem. Mein Vater klagte sich selbst eines grässlichen Vergehens an, weswegen er sich das Leben nahm. Er konnte nicht mehr leben mit einer Schande, von der er schrieb, dass selbst das Schicksal des Ödipus damit nicht zu vergleichen wäre. Es schrieb, er sei ein Mensch ohne Vergangenheit, ohne Herkunft, ohne Vater. Er habe seine Zukunft bereits hinter sich. Er habe etwas begangen, von dem er wünscht, dass die Tat durch seinen Tod ungeschehen gemacht werden könnte, dies aber nicht zu hoffen wage. Er schrieb, wie sehr er meine Mutter liebe, aber dass diese Liebe etwas Unmögliches sei und nie hätte geschehen dürfen. Er bat sie um Vergebung ohne konkreter zu werden, worin die Schande bestand. Ich hielt dies alles für Worte eines Wahnsinnigen oder eines Feiglings, aber die Beschreibung der Frau, meiner Mutter, und die Umstände, unter denen er sie traf, zeigen mir die Parallelen deutlich auf.
Er wollte es in dem Brief nicht deutlicher fassen, vielleicht wollte er es meiner Mutter nicht noch schwerer machen. Die Zeit, in der ich mich nun befinde, muss etwa die gewesen sein, an der mein Vater meine Mutter zum ersten Mal traf trifft?
Auch ich bin ein Mensch ohne Vergangenheit in dieser Zeit und meine Zukunft habe ich bereits erlebt, denn sie liegt in meiner Jugend. Hier, in dieser Zeit schließt sich ein Kreis, der mein Leben ist, was nicht sein darf. Die Frau, die ich getroffen habe und mit der ich heute Abend verabredet bin, ist meine Mutter.
Das weiß ich jetzt sicher. Unsere Liebe wird, wenn ich es nicht verhindere, intensiv sein, und sie wird von mir schwanger werden. Dies könnte schon heute Abend passieren. Das Kind, das sie gebären wird, werde ich sein. Der Vater des Kindes bin ich, das heißt, ich bin mein Vater! Die Zeit scheint sich in einer Art stabilem Gleichgewicht zu befinden. Mein Vater und ich sind die selben Personen, und er hatte den gleichen Unfall, der mich in diese Zeit verschlagen hat.
Ob mein Vater dies bereits ahnte, bevor er mit meiner Mutter zusammenkam, bevor sie schwanger wurde, das kann ich nicht sagen. Dass er aber daran zerbrach, nachdem es geschehen ist und er dies erkannte, das erscheint mir nun als sicher. Das Paradoxon bin ich selbst. Jemand, der selbst sein Vater und sein Sohn ist. In welche Welt gehöre ich? In welche Zeit? Welches Recht habe ich, so zu sein und so etwas zu tun? Auch ich müsste daran zerbrechen. Wenn ich die Beziehung mit meiner Mutter zulasse, werde ich derjenige sein, der in einigen Wochen mit einem Abschiedsbrief am Strommast erhängt aufgefunden wird.
Mein Sohn werde wieder nur ich selbst sein und mein Leben wird sich wiederholen, immer und immer wieder. Mein sinnloses Leben wird wie ein Schandfleck, wie ein Krebsgeschwulst die Zeit verunstalten und der Schöpfung spotten. Das Leben meiner Mutter wird immer und immer wieder sinnlos diesem Wahnsinn zum Opfer fallen, an dem allein ich die Schuld trage.
Wenn dies meine Bestimmung ist, kann ich ihr entgehen? Kann ich diesem Kreislauf ein Ende machen? Hat mich der Zeitsprung in eine Zeitschleife verschlagen oder in eine Seitenwelt, anstatt in die lineare Vergangenheit, von der ich bei meinen Berechnungen ausgegangen bin? Kann man sagen, wie lange sich diese Tragödie meines Zeitunfalls, meines Selbstmords und des Todes meiner Mutter bereits wiederholt? Vielleicht schon unendlich lange.
Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, brauche ich bloß zu dem verabredeten Treffen heute Abend nicht zu erscheinen. Sie wird mich nie mehr wiedersehen und das Paradoxon muss aufhören. Was wird dann geschehen? Kann ich dies wagen? Ist es nicht ein zu unwahrscheinlicher Zufall, dass ich meine Mutter getroffen habe? Das ist sogar zu unwahrscheinlich für einen Zufall, also kann es keiner sein. Oder gibt es etwas unwahrscheinlicheres als das, was wir im allgemeinen Realität nennen? Nein. Dann wird es wohl doch Zufall gewesen sein.
Diese tragische Schleife zu durchbrechen - schon darüber nachzudenken ist mitunter gefährlich. Man kann dadurch in eine Welt gelangen, aus der man nicht mehr herauskommt. – Wenn auch nur gedanklich, so ist dies doch eine Seitenwelt, die von der Realität wegführt und nie mehr mit ihr zusammentrifft.
Ich müsste die Beziehung mit meiner Mutter entstehen lassen, ohne sie ahnen zu lassen, dass ich weiß, was passieren wird. Ändere ich etwas daran, so lösche ich meine Existenz aus und verursache vielleicht noch schlimmeres. Ich habe Angst, den Ablauf züandern. Vielleicht erging es meinem Vater genauso und dessen Vater und dessen Vater und so weiter. Vielleicht ist es mir schon viele Male so ergangen, und jedes Mal habe ich es nicht gewagt dem ein Ende zu bereiten. Hätte ich es nur ein einziges Mal gewagt, dann wäre ich jetzt nicht.
– So ist es also: Ich bin das Problem. Meine Existenz ist ein Fehler. Mich sollte es nicht geben. Ich habe keinen menschlichen Ursprung und passe in keine Zeit hinein. Alle haben es mir immer gesagt. Ich habe es für Stärke gehalten, mich davon nicht unterkriegen zu lassen. Ich fühlte mich allen überlegen, unangreifbar und erhaben. In Wahrheit war es Stolz und Dummheit, dies nicht anzuerkennen.
Was geschehen wird, wenn ich den Kreislauf nicht durchbreche, ist bekannt.
Es wird sich wiederholen und mich immer wieder zum ersten Mal vor diese Wahl stellen. Diesmal werde ich es ändern. Es wird nicht noch einmal passieren.
Was dadurch verursacht wird soll geschehen. Mein Entschluss steht nun fest.
Ich werde meine Mutter, diese bezaubernde Frau, nicht mehr treffen. Mein Herz wird zerreißen. Vielleicht entgehe ich so dem Schicksal eines Selbstmords nicht, doch das wird dann wenigstens mein letzter sein. Vielleicht ist das Paradoxon im Zeitgefüge nicht so stabil und im Gleichgewicht, wie es mir jetzt erscheinen mag. Selbst dass diese Frau meine Mutter ist, heißt nicht zwangsläufig, dass sich das Gespräch, das wir gestern führten, immer Wort für Wort so zugetragen haben muss. Wenn diese Schleife keinen konzentrischen Kreis in der Zeit bildet, sondern vielleicht eine Ellipse oder gar Spirale, dann kann ich es ändern und dann muss dies nicht bedeuten, dass dadurch eine Katastrophe ausgelöst wird.
Vielleicht sind die Ereignisse nun endlich so lange wiederholt worden, dass sie soweit abgedriftet sind und jetzt die Zeit reif ist, den Zyklus abzubrechen. So hat auch nicht jeder Planet eine allzeit stabile Umlaufbahn um seine Sonne. Er kann irgendwann in sie hineinstürzen oder von ihr fort ins All getrieben werden.
Auch noch nach vielen Umrundungen.
Mit diesen Gedanken verharre ich am gleichen Ort, gehe nicht fort um die Frau zu treffen und falle in einen unruhigen Schlaf, wohl fast eher eine Ohnmacht.
Die Gelegenheit den Kreislauf zu erneuern verstreicht. Es ist vollbracht. Als ich mein Bewußtsein wieder erlange, wohl noch mitten in der Nacht, erkenne ich, wie die Welt um mich herum verblasst. Licht ist knapp, die Farben verschwinden. Träume ich oder löse ich mich auf? Ist es das, was passieren wird, dass ich aufhöre zu existieren? Die eigene Nichtexistenz ist nicht vorstellbar. Die Welt muss es sein, die sich auflöst. Ein Nebel, ein Ausblenden aller Dinge um mich herum findet statt. Es scheint, als entrücke die Welt sich von mir. Ich bin ihr fern, immer weiter. Die Welt wird undeutlicher bis sie schließlich ganz verschwunden ist. Ich bin allein. Ich denke nach. Ich bin. - Um mich herum befindet sich zeitloses Chaos. Es sind nicht Licht noch Farben, nicht Gegenstand noch Laut. Alles ist eins. Alles ist ich. Ich bin alles.
Nun erkenne ich, dass ich geträumt habe, einen törichten Traum. Ich erkenne mich selbst als der, der ich bin, nicht als ein Paradoxon. Es hat keins gegeben.
Das Universum, das Sein war mein Traum, ein Missverständnis. Es sollte nicht existieren. Das Universum war mein göttliches Versehen, nur für einen kurzen Zeitraum unbemerkter Unachtsamkeit entstanden aus Gedanken, die sich von mir abgewandt hatten, so dass ich mir meiner Göttlichkeit nicht mehr bewußt war. Die Möglichkeiten des Unmöglichen aufzuzeigen war der Traum geeignet.
Die Gedanken kehren zu mir zurück, der keinen Anfang kennt. Da es keinen Anfang gab, gibt es auch kein Ende. Das Ende ist Wandel und der Wandel ist kontinuierlicher Fluss. Stillstand ist Irrtum. Meine Erhabenheit über die Dinge besteht fort. Die Existenz des Universums ist beendet. Wird der nächste Traum etwas noch groteskeres hervorbringen?
Hennef, Juli 2002