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Roman Stumm

Handyruf

Jetzt habe ich mir neulich auch so ein eigenes Handy zugelegt. Das muss inzwischen ja jeder haben, fast so, als ob ein Schnitt durch die Bevölkerung geht, der die immer Erreichbaren von den Nicht-Mobilen trennt.

Ein Handy, so wurde mir klar gemacht, ist nicht nur ein Statussymbol und Zeichen von Flexibilität, sondern symbolisiert auch Kommunikationsfreudigkeit und Leistungsbereitschaft. Alles dies sind Dinge, auf die der moderne Arbeitsmarkt Wert legt, ohne die man gar nicht mehr weiterkommen kann. Das hört sich ja fast so an, als hätte ich das Handy gegen meinen Willen kaufen müssen.
– Weit gefehlt!

Ich musste es nicht kaufen, denn ein Handy ist eines der wenigen High-TechGeräte, die nichts kosten. Man bekommt es einfach und einige freie Gesprächsstunden sowie die Fixkosten des ersten halben Jahres gleich dazu. Das ist das Angebot unseres freien Marktes zur Integration aller leistungsbereiten Menschen. Man bekommt es überall und sofort, der "Verkäufer" ist geradezu erfreut, wenn nicht sogar erleichtert, dir eines der formschönen Stücke anvertrauen zu dürfen.

Ferner habe ich auch den größten Nutzen. Neben der Tatsache, dass ich nun wieder IN bin und an unserem schnurlosen gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, komme ich auch in den Genuss vieler Vergünstigungen: vom 24-Stunden Wetterdienst über den tragbaren Anrufbeantworter, den integrierten Mini-Gameboy gegen spontane Langeweile, der digitalen Taschenuhr mit Weltzeit, den Sonderangeboten meines nächsten Supermarktes in Echtzeit als SMS bis zu einem guten Vorwand zum Abwimmeln von ungeliebten Bekannten, die einen auf der Strasse oder in der Bahn anquatschen – "Moment, da kommt gerade der Anruf, den ich schon dringend erwarte."

Diese Liste könnte man fortsetzen: jederzeit den Pannendienst erreichen ohne auf der Autobahn kilometerweit bis zur nächsten Notrufsäule laufen zu müssen, die dann meist defekt ist; ein Taxi rufen zu können oder Hilfe, wenn man einen Unfall hat oder in der eigenen Wohnung überfallen wird, die Eltern benachrichtigen, dass sie mich abholen können oder dass ich einfach nur gut angekommen bin – auch ohne dass eine Telefonzelle in der Nähe ist, von der man sowieso nicht wissen will, wie die wieder von innen aussieht; den Freund den man besuchen möchte vom Auto aus anrufen und nach dem Weg fragen oder ankündigen, dass man gleich da ist für den Fall, dass er die Klingel nicht hört.

Wenn man weiter denkt wird es immer deutlicher, was es bedeutet, immer die gleiche Nummer behalten zu können, egal wie oft und wohin man umzieht oder wo man sich gerade aufhält. Auf Lebenszeit eine eigene Nummer - dieser Wunsch geht nun endlich in Erfüllung. Vielleicht den Neugeborenen schon eine eigene, eindeutige Nummer schenken und in den Ausweis oder die Geburtsurkunde eintragen? – "Darf ich mich vorstellen? Meine Nummer ist 0163-573783."

Willst du deine Individualität bewahren, einen Lifestyle pflegen, dich von der Masse abheben? Dann verpass nicht, dir ein hippes Front-Cover für dein Handy auszusuchen, passend zum Farbton deiner Kleidung oder deiner Tageslaune und für jede Gelegenheit, z.B. Party-Cover für die Disco, Schwarz-Silber auf der Arbeit.

Ich habe lange gebraucht, um all das zu erkennen. Eigentlich war es Richard, der mich dazu gebracht hat einzusehen, dass ich ohne mobile Nummer nicht weiterkommen kann. Richard und ich kennen uns schon seit unserer Jugend.

Wir sind in der gleichen Gegend aufgewachsen und waren schon während der Schulzeit befreundet. Vor nicht einmal zehn Jahren, als ich nach dem Schulabschluss für mein Studium aus unserer Stadt wegziehen musste, pflegten wir einen regen Briefkontakt. Ob es schon damals Handys gab, kann ich nicht so genau sagen. Jedenfalls wenn, waren die damals noch nicht so verbreitet – höchstens einige Privilegierte, die sich damit überdeutlich zu zeigen bemüht waren, besaßen eins. Wir schrieben uns meistens noch Briefe von Hand, illustriert mit kleinen Zeichnungen oder geschmückt mit Aufklebern.

Telefoniert haben wir auch manchmal; aber ich hatte nur das graue Wählscheibentelefon auf dem Flur des Studentenwohnheims, dass von allen zwölf Bewohnern des Stockwerks gemeinsam genutzt wurde. Jede Einheit, die man verbraucht hatte, musste in einer Liste handschriftlich erfasst werden. Der Gebührenzähler war (gegen Aufpreis) die einzige Sonderfunktion, die den Apparat auszeichnete. Wenn am Ende des Monats Einheiten fehlten, die nicht korrekt eingetragen waren, wurden die Kosten auf alle Teilnehmer umgelegt. Oft musste ich stundenlang warten, bis der Apparat frei war, wenn ein anderer ihn für Dauergespräche nutzte. Natürlich war es kein schnurloser Apparat. Das Kabel war gerade lang genug, um bis direkt hinter die eigene Wohnungstür zu reichen. So kauerte ich am Boden, mit dem Rücken innen an meine Zimmertür gelehnt und telefonierte, bis ich so nicht mehr sitzen konnte. Nicht selten war der Apparat defekt, vor allem das überstrapazierte Kabel: verdreht, geknickt oder Wackelkontakt am Wandstecker. Dann hieß es warten, bis jemand von der Telefongesellschaft den Schaden repariert hatte – die Kosten wurden wieder auf alle Teilnehmer umgelegt.

Immerhin – ich konnte soziales Engagement beweisen, indem ich mich freiwillig dazu bereiterklärte, das graue Stockwerkstelefon zu verwalten: Telefonlisten auslegen, Monatsabrechnungen erstellen, Wartungsdienst benachrichtigen.

Richard sprach oft aus der Telefonzelle in der Innenstadt, denn er wohnte noch zuhause und das elterliche Telefon stand im Wohnzimmer. Gegen Ende meiner Studienzeit wurden die Zeichen der neuen Zeit deutlicher. Noch bevor Richard sein erstes Handy bekam, fiel mir die Veränderung daran auf, dass sich von Jahr zu Jahr weniger Stockwertsbewohner an unserem kollektiven Telefon beteiligten.
Zunächst dachten wir anderen, es handele sich um Eigenbrödler, die sich absondern wollten. - Die ersten Handybesitzer hatten im Wohnheim Einzug gehalten und immer mehr folgten ihrem Beispiel.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das alte System der Stockwerkstelefone schon bald nach meinem Auszug endgültig zum Erliegen kam. Es hört sich für mich inzwischen wie eine schrullige Anekdote aus längst vergangener Zeit an, obwohl es noch nicht einmal zehn Jahre zurückliegt. Der Ubergang in ein neues Zeitalter hatte längst begonnen und Richard zögerte nicht. Eines Tages rief er mich mit seinem neuen Handy an. Wenn ich ehrlich bin, war ich von ihm enttäuscht, da ich bis dato Handybesitzer für Angeber hielt. Vielleicht war auch etwas Neid dabei. Nicht Neid auf sein Handy, sondern darauf, dass er sich so vorurteilsfrei dazu bekennen konnte.

Die ersten Handys waren noch ganz andere Geräte, als das Handy, das ich nun seit wenigen Wochen besitze. Damals galten ein lückenhaftes Netz, steinschwere, klobige Geräte und schlechter Empfang als verzeihliche Kinderkrankheiten der neuen Technik. Die vielen nützlichen Sonderfunktionen, die ich bereits erwähnte, kamen auch erst in jüngster Zeit dazu. Dennoch, der Freiheitsgewinn, von dem Richard mir damals vorschwärmte, war spürbar. Ich spürte es daran, dass er ein stärkeres Selbstwertgefühl ausstrahlte. Er wirkte plötzlich erwachsener, manchmal ein wenig zu selbstsicher.
Nach der Studienzeit begann ich zu arbeiten. Auch Richard wohnte nicht mehr in unserer Heimatstadt, sondern fand eine Arbeit in einer anderen Metropole.

Das Briefeschreiben kam – nicht nur zwischen uns – aus der Mode. Das Telefon wurde zum Kommunikationsmittel Nummer eins. Früher verband uns das Telefon gelegentlich, aber dann auf gleicher Ebene. Nun wurde es ausschließlich genutzt, aber ich fühlte mich bis vor kurzem ein wenig diskriminiert, wenn ich mit Richard telefonierte. Das Anwählen von Handynummern aus dem Festnetz wird noch heute durch erhöhte Gebühren bestraft. (Vielleicht ein kleiner Anreiz für die Technikträgen, bald auf den mobilen Komfort umzusteigen?)

Wir vereinbarten Treffen und unternahmen recht regelmäßig etwas an den Wochenenden. Auch besuchten wir uns gegenseitig. Die schönsten Erinnerungen habe ich an die Wochenenden, an denen wir uns in der alten Heimat trafen. Wir hatten dort einige gemeinsame Bekannte und lernten auch noch neue Leute kennen.
Mal waren wir gemeinsam auf Partys unterwegs, gingen ins Kino oder in die Kneipe, wie zwei gute Freunde eben, die erwachsen geworden sind. Ich hatte zu jener Zeit, seitdem ich in dem entsprechenden Alter war, immer eine feste Freundin und meine Beziehungen waren nie nur von kurzer Dauer und verliefen stets ohne besondere Probleme. Richard tat sich beim Kennenlernen von Frauen immer schwerer als ich. Er sagte, er habe besondere Ansprüche. Meiner Meinung nach war er Frauen gegenüber einfach zu verklemmt und zurückhaltend.
Umso mehr freute ich mich für ihn, wenn er es schaffte, eine Frau für sich zu interessieren.

Vor nicht allzu langer Zeit, es mag jetzt wohl ein knappes Jahr her sein, gingen Richard und ich an einem schönen Wochenende im Wald nahe unserer alten Heimat spazieren. Dass er sein Handy stets dabei hatte, daran hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits gewöhnt. Auch ist mir schon vorher aufgefallen, dass die Umstände, unter denen er das Gerät abgeschaltete, immer seltener wurden.
Dennoch fiel dies eigentlich kaum noch auf, denn er hatte sich kurz zuvor das neue Gerät angeschafft. Es war so kompakt; er konnte es unbemerkt in der Hosentasche tragen. Ich weiß noch, wie die Veränderung, die diese Technik in wenigen Jahren mitgemacht hat, mich damals verblüffte, als er mir die Funktionen des Gerätes vorführte: "Integrierter Terminkalender mit Erinnerungsfunktion, 128 MB Speicher, Display mit 32 Millionen Farben, mit WAP ins Internet, doppelte ISDN Geschwindigkeit beim Surfen, vierzehn Spiele vorinstalliert, Anschluss zum PC, Stromsparmodus, Extra-Akku, frei wählbarer Rufton, Vibrationsalarm, Freisprechmodus, digitale Tonqualität, ..." Ich glaube, er muss den Prospekt auswendig gelernt haben, so schwärmte er. Richard war sonst nicht der Typ, der sich für etwas begeistern konnte. Er führte mir jede Einzelheit vor, aber ich kann mich wirklich nicht mehr an jedes Detail erinnern. Mir schwirrte nach kurzer Zeit der Kopf. Zunächst war ich noch neugierig gewesen und dachte meine damalige Skepsis nun zu überwinden. Als Richard jedoch mit der Präsentation seines Handys fertig war, war ich mehr denn je davon überzeugt, so ein Ding niemals besitzen zu wollen. Vielleicht hatte ich aber auch nur Angst, ich könnte mit einem solchen Gerät überfordert sein. Vielleicht war meine Abneigung nur Feigheit, Faulheit, Trägheit?

Wenn er sein Handy nicht dabeihatte, war Richard nahezu ein halber Mensch.
Seitdem all seine Termine und die Telefonnummern seiner Freunde nur in seinem Handy gespeichert waren, kam ein leerer Akku einer persönlichen Katastrophe gleich, die ihn zu einem planlosen Menschen machte, der ohne soziale Kontakte dastand. Der Zugang zu nicht unwesentlichen Inhalten, die zuvor in seinem Gehirn gespeichert waren, wurde ihm nur noch von seinem Handy gewährt.
Anfangs lachte er, wenn ich versuchte, ihm das klarzumachen. Aber je deutlicher dies wurde, desto weniger wollte er es hören oder einsehen. Bemerkungen hierüber meinerseits wurden von ihm immer verständnisloser bis aggressiv abgelehnt. Ich wollte Richard zu keiner Zeit verärgern, also sprach ich ihn nicht mehr direkt darauf an.

An diesem Tag auf dem Waldspaziergang befand sich sein Handy in seiner Brusttasche. Wir hatten gerade begonnen, die Gestaltung des vor uns liegenden Abends zu planen, als das Handy anfing seine Melodie zu dudeln. Ich empfand das Geräusch nicht nur als Störung unserer Unterhaltung, sondern auch als höchst unpassend für einen Waldspaziergang. Richard nahm ab und meldete sich wie üblich nur mit einem knappen "Ja". Daraufhin wurde er für eine Weile still, lauschte nur den Worten der Stimme aus seinem Handy und bestätigte von Zeit zu Zeit mit "Ja gerne" und "ist gut". Plötzlich beendete sein Handy das Gespräch. Es war sein gutes Recht, mir nicht zu erzählen, wer ihn angerufen hatte, obwohl es mich natürlich interessierte. Er machte lediglich geheimnisvolle Andeutungen, die ich nicht verstand, die mich aber zu der Ansicht brachten, es hätte etwas mit einer Frau zu tun, da er mal wieder für längere Zeit Single gewesen war und daher bemüht sein müsste, eine neue Freundin zu finden. Er war nach dem Telefonat auch nicht mehr so gesprächig wie zuvor, fast verschlossen, und ließ verlauten, dass aus einer gemeinsamen Unternehmung an diesem Abend nichts werden könne. Ich war ein wenig enttäuscht von seinem Verhalten und hatte das irrationale Gefühl, als sei nicht der Anruf sondern das Handy Schuld daran. - Jederzeit und überall erreichbar und auf Abruf zur Verfügung.

Am nächsten Tag wollte ich ihn wieder erreichen, ob vielleicht an diesem Abend eine gemeinsame Unternehmung möglich sei, und rief ihn an. Da er nicht abhob, sprach ich auf seine Mailbox und bat um einen Rückruf. Er meldete sich jedoch nicht, so dass ich ihn an diesem Wochenende nicht mehr sah. Als ich ein paar Tage später mit ihm telefonierte war ich sehr verwundert, dass er behauptete meinen Anruf nicht auf der Mailbox erhalten zu haben und sich deshalb nicht mehr bei mir gemeldet hatte. Wo war mein Anruf verblieben, den ich zweifelsfrei für ihn hinterlassen hatte? Seine Entschuldigung, dass er in letzter Zeit immer sehr viele Mitteilungen abzuhören hätte und ihm vielleicht ein Bedienungsfehler unterlaufen sein könnte, ließ ein gewisses Mißtrauen in mir zurück. Ich erinnere mich noch daran, dass dies auch das Gespräch war, an dem Richard mir erzählte, er habe sich ein Navigationssystem in seinen Wagen einbauen lassen und die Woche zuvor bereits eine Digitalkamera gekauft. Nun gut, das sind mitunter sinnvolle Anschaffungen, würden heute viele behaupten und an Geld mangelte es ihm offensichtlich nicht. Mir kam das aber komisch vor, da ich Richard schon seit so langer Zeit kannte und ihn früher nie für jemanden hielt, der sich sofort alle elektronischen Neuheiten zulegen musste. Ein Navigationssystem! Ich hielt dies für ein Spielzeug für Technikfans und Autoliebhaber.

"Mit einem Navigationssystem im Wagen weiß man nicht nur, wo man ist und welcher weitere Weg einem zugedacht ist; das System kennt den Standort und die Bewegungen des Wagen zu jeder Zeit. Es plant Routen und denkt für den Fahrer, der zum Lenker des Fahrzeugs wird und der das Gespür für Strecke und Verkehr verlernen muss. Der Fahrer richtet seine Aufmerksamkeit auf die künstliche Ansage und den Straßenplan zweidimensionaler Vektoren, anstatt auf das, was um ihn herum vorgeht." Mit solcherlei Bedenken meinerseits konfrontiert, beendete Richard das Gespräch plötzlich. Vielleicht habe ich unbedacht reagiert und ihn Glauben gemacht, ich gönne ihm diesen Luxus nicht. Normalerweise war es aber nie Richards Art, die Verbindung ohne Abschiedswort zu kappen. Woher rühren seine veränderten Reaktionen, begann ich mich zu fragen.

Inzwischen kam ich zu der Ansicht, dass ich mit einer negativen Einstellung an neuartige Dinge herangegangen bin und den Verheißungen des Fortschritts nicht glauben wollte. Was aber war es, dass mich später doch den Schritt in diese Richtung unternehmen ließ?

Richard meldete sich danach für mindestens eine Woche nicht mehr bei mir, was meine Vermutung zu bestätigen schien, dass er wohl wieder dabei war, eine Freundin zu finden. Gerade, wenn die Beziehung zu entstehen beginnt, ist viel Zeit zu investieren. Also hatte ich Geduld, trotz meiner Neugier.

Als ich nach über einer Woche noch immer keinen Anruf von ihm erhielt, rief ich ihn eines Abends an. Er ließ es oft klingeln. – (sagt man "klingeln", wenn es sich um ein Handy handelt) – hob schließlich aber dennoch ab.

"Ja", meldete sich jemand. Zuerst war ich mir unsicher, dann erkannte ich den Klang von Richards Stimme. Sie klang abwesend. Ich plauderte drauf los und fragte ihn nach kurzer Zeit, ob es vielleicht neue Namen gebe, die er mir noch nicht vorgestellt hätte. Als er die Andeutung nicht gleich verstand, neckte ich, er könne mir von der Dame doch bestimmt etwas berichten. Er machte mir daraufhin klar, dass ich mit meinen Vermutungen gänzlich falsch liege. Einer der Gründe, weswegen er sich nicht gemeldet habe (unter anderen führte er berufliche Auslastung und folglich Müdigkeit an), sei, dass er sich in der Zwischenzeit Pay-TV in seiner Wohnung habe installieren lassen und das neue Angebot auskoste.

Einerseits für ihn enttäuscht, dass mein erster Gedanke, er könne eine Freundin gefunden haben, nicht zutreffend war, andererseits enttäuscht von ihm, dass er diese, aus meiner Sicht, überflüssige Anschaffung getätigt hatte, reagierte ich wohl wieder so, wie bei unserem letzten Gespräch.

Pay-TV – bezahlen für mehr Unterhaltung im eigenen Zuhause? Bezahlen dafür, etwas früher sehen zu können als die Masse der Fernsehzuschauer, aber nicht so früh wie die Kinobesucher. Dass Richard so mancher Kinobesuch und damit auch so mancher Kontakt mit Menschen und Möglichkeit mit Freunden etwas zu unternehmen erspart bleibt, das lässt er sich einiges kosten. So bleibt ihm auch erspart, die direkte Reaktion der anderen Zuschauen im Kino selbst zu erleben. Aber von Kino, so beharrte er, halte er nicht mehr viel. Das Kino, eine unserer gemeinsamen Freizeitstätten, sei etwas, das den Wandel der Neuzeit nicht überstehen werde. Dies sei schon daran zu erkennen, dass das Kino handyfeindlich konzipiert sei. - Es stimmt, dass in letzter Zeit immer vehementer vor Beginn eines Filmes die Besucher im Kino darauf hingewiesen werden, ihre Handys auszuschalten. Das Kino vertreibe somit gezielt die Handybesitzer, inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung, und veranlasse sie damit zum Kauf von Pay-TV. Er sah sich gezwungen zu entscheiden, Kino oder Handy, und wählte das letztere.

Wie war das? Ganz früher war einen Theaterbesuch eine Seltenheit, dann wurde Radio und Kino immer häufiger, danach ständig das Fernsehen, zuhause und auf fast allen öffentlichen Plätzen bis hinein in Warte- und Ruhezimmer von Krankenhäusern und Bahnhöfen: nun erfolgt also die breite Offensive des Fernsehens in Allianz mit Handy, Internet, Computerspielen, Pay-TV, Video, DVD und ungezählten Privatkanälen, eine geschlossene Front digitaler Unterhaltung.

Neben den Printmedien, buhlen heute schon so viele elektronische Medien um deine Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Früher, vor nicht einmal 200 Jahren, scherte es weder Kirche noch Staat, weder Eltern noch Lehrer was ein Bauer wollte und dachte. Heute wird jeder durch ständige Ablenkung mit Hilfe elektronischer Apparaturen zum Sklaven seiner gesteuerten Wünsche und Meinungen.
Es ist Geld wert, homoge Ansichten und Werte auf möglichst viele Menschen zu übertragen. In mindestens eine Zielgruppe gehört jeder und ist umzingelt von Technik, die auch auf den kleinsten Moment Aufmerksamkeit angesetzt ist.

Dies begann ich Richard gerade zu erklären, als die Verbindung zwischen uns immer schlechter wurde. Er verstand mich nicht, denn ein Kratzen in der Leitung übertönte mich zunehmend bis die Verbindung schließlich abbrach. Verwunderlich, zumal er sich doch in seiner Wohnung befand und ich glaubte, die Technik sei inzwischen zuverlässig geworden. Man nennt die Gegenwart auch das "Kommunikationszeitalter". Aber bringt die weltumspannende Kommunikation mit jedem zu jeder Zeit die Menschen einander wirklich näher? Kann man mit einem Menschen wirklich menschlich reden, wenn man nur die digitale Stimme hört und die Verbindung jederzeit abzubrechen droht? Mit wem redet man dabei eigentlich? Mit einem Menschen oder einem Handy, das wie eine Zensurbehörde Worte verschlucken und unkenntlich machen kann?

Ob ich Richard durch meine Reaktion darauf, dass er immer weniger mit mir unternehmen wolle, verärgert habe oder ob wir uns mit der Zeit unvermeidlich auseinander entwickelt haben, unsere Beziehung bröckelte immer weiter ab. Ich habe schon versucht Richards Worte und Standpunkt zu verstehen, bevor mir dies bewusst wurde. Meinem Technikpessimismus habe ich die Schuld gegeben und meine Freundschaft zu Richard habe ich zu retten versucht, indem ich ohne große Überzeugung schließlich zuließ selbst ein Handy zu besitzen. Ich hatte die Hoffnung, dass ich dadurch automatisch die Sicht Richards besser verstehen könne. Nicht allein durch die Entwicklung, die meine Freundschaft mit Richard nahm, auch durch die Reaktionen anderer auf meine zu lange Weigerung, den gesellschaftlichen Wandel als unvermeidlich und positiv anzuerkennen, tat ich diesen Schritt. Wie damit für mich das Kommunikationszeitalter spürbar beginnen würde, ahnte ich jedoch nicht. Ich glaubte, die Erfahrung ständiger Erreichbarkeit folgenlos überstehen zu können und im Griff zu behalten, ohne dass das Handy meine Einstiegsdroge in den elektronischen Fortschrittssog werden würde.

Nun bin ich ständig erreichbar, für jeden, der meine Nummer kennt. Ich habe die Nummer nur Richard mitgeteilt, der aber bisher keinen Gebrauch davon gemacht hat. Mein Handy ist daher nur sehr selten eingeschaltet. Bereits nach einer Woche hatte ich diese Nachrichten auf meiner Mailbox, Werbung oder etwas in der Art. Die Telefongesellschaft scheint die Handynummern wohl, entgegen den Beteuerungen, an die Werbeindustrie zu verkaufen. Vielleicht gehen diese Botschaften nur an zufällig gewählte Nummern? Ich kann die Stimmen auf meiner Mailbox jedenfalls nicht in meinen Bekanntenkreis einordnen. Nur kurze Hinweise sind zu hören, Nachrichten, Sonderangebote oder die Aufforderung zur Teilnahme an einem Gewinnspiel. Bedrohlich günstig locken in letzter Minute zeitlich bemessene Fluchtmöglichkeiten in eine bessere Welt. Wenn man eine der Nummern wählt, die dort von Tonbänderstimmen beworben werden, so erreicht man bloß einheitenzählende Automaten, die, in wessen Dienst auch immer, jeden Anrufer registrieren und elektronisch abkassieren. Die Moderne steht nun auch vor meiner Tür und damit sie diese würdig durchschreiten kann, habe ich meine Wohnung entsprechend aufgerüstet. Einen Bewegungssensor an der Hoflampe haben die Nachbarn alle schon lange vor mir gehabt. Auch glaube ich nicht, dass ich der erste im Viertel bin, der sich einen Brandmelder installieren ließ.

Nicht einmal eine Woche ist es her, dass die Alarmanlage in meiner Wohnung scharf geschaltet worden ist. Seltsam bloß, dass ich mich weniger sicher fühle, als früher, wo all dies niemand kannte. Ich fühle mehr Einsamkeit, gleichzeitig spüre ich mit uralten Sinnen, dass ich nie mehr allein bin.

Nein, noch ist niemand ungebeten in mein Heim eingedrungen oder hätte mich bedroht, kein Mensch. Aber die Medien zeigen es schon seit Jahren, dass dies immer häufiger vorkommt und mein Handy warnt mich. Ich bereite mich bloß vor.
Ganz im Hinblick auf mehr Sicherheit habe ich meinen neuen Wagen gewählt, den ich in den nächsten Jahren abbezahlen werde, der aber wie mein Handy eine Voraussetzung ist, um nicht selbst zum ausrangierten Auslaufmodell des Industriezeitalters zu werden. Seit ich ein Handy habe, denke ich mehr an meine Sicherheit als früher. Dabei weiß ich nicht einmal so genau, ob mein Handy dies ausgelöst hat oder ich.

Die Technik, die ich in mein Leben gelassen habe, gewährt mir besseren Schutz vor der zunehmenden Gewalt in der menschlichen Gesellschaft. Aber nun frage ich, wer schützt uns vor der Gewalt, die die Technik an uns verübt? Ich habe als neuer Handybesitzer selbst angefangen, an die Technik zu glauben und nun finde ich gerade ein Flugblatt in meinem Briefkasten.

Darin warnt ein Prof. der Neurochirurgie: 'Unsere Forschungen zeigen, dass die Strahlung von mobilen Telefonen die Blut-Hirn-Schranke öffnet und es so vielen Giften leichter macht, in das Gehirn zu gelangen. Die Hirne sind übersäht mit dunklen Flecken und deutlich geschädigt. Es tritt Flüssigkeit aus, verursacht durch diese elektromagnetische Strahlung. Andere Schadstoffe, die sonst nicht durch diese Schranke kommen, finden jetzt den ungehinderten, direkten Weg ins Gehirn mit uneinschätzbaren Folgen.' Die Warnung ist nicht zu übersehen und ich erkenne, wie sehr ich dem Rausch des Kommunikationszeitalters bereits verfallen war, wie sehr ich bereits von mir selbst abgewichen bin. Was sind das für Dinge, denen die Strahlung den Weg zu den Gehirnen der Menschen eröffnet hat? Wie tief sind sie bereits eingedrungen? Sie haben nicht nur die Gesellschaft, sondern den Körper des Menschen durchdrungen. Mir wird kurz schwarz vor Augen wie ich mich als Wirtstier erkenne, aber schnell habe ich mich gefasst.

"Richard warnen", war mein erster Gedanke. Er besitzt seit Jahren ein Handy und die Veränderungen, die seitdem an ihm stattgefunden haben, werden mir bewusst. Als ich seine Nummer wähle, erklärt mir ein geduldigerAutomat, dass der Teilnehmer unbekannt sei. So lange erinnert sich das System also an einen Menschen! Ich habe ihn seit Wochen nicht gesprochen, aber kann mir nicht vorstellen, wieso Richard seine Handynummer geändert haben sollte. Alarmiert wähle ich die Nummer Richards zum zweiten Mal, halte mein Handy ans Ohr, rufe seinen Namen um ihn zu warnen. Die freundliche, weibliche Stimme des Automaten ertönt diesmal nicht. Ich höre Richards Stimme. Sie klingt verzerrt: "Leg auf und halte dich fern. Der Verlauf darf nicht gestört werden!". Das ist nicht Richard! Er kann es nicht sein! Ist die Entwicklung inzwischen so weit fortgeschritten, dass das Handy erlernt, den jeweiligen Gesprächspartner selbständig zu simulieren? Wohin soll das führen?
Die verzerrte Stimme verändert sich und klingt plötzlich wieder nach einer Frau. "Bei Ihnen liegt eine Funktionsstörung vor. Wir werden die Störungsstelle hinzuziehen. Das Problem wird beseitigt. Bleiben Sie dran.". Es hört sich fast mitleidvoll an. Anstatt zu warten, schalte ich mit einem raschen Griff das Handy ab, aber mein ungutes Gefühl wird stärker. Ich bin gewarnt. Konnte man überhaupt jemals mit diesem Gerät einen anderen Menschen erreichen, wenn es die Technik nicht zulassen wollte? Instinktiv wird mir wird deutlich, dass ich das Handy loswerden muss; denn wenn ich es mir an den Kopf halte, dann erreiche ich nichts und niemanden. Bloß das Handy oder was auch immer darin auf mich einwirkt, erreicht mich unmittelbar. Wie tief hat es seine Wurzeln schon in uns verankert?

Ich werde nie mehr meine Mailbox abhören, mich den Botschaften darauf nicht öffnen. Ich werde mich den Leuten anschließen, die solche Flugblätter erstellen!

Dem Widerstand, wie klein er im Moment noch sein mag. Wie er sich wohl organisiert? Wer kann noch etwas organisieren ohne Spuren seiner Absichten im digialen System zu hinterlassen? Wie viele erinnern sich noch daran, wie eine Organisation nur durch Menschen funktionieren kann?

Keiner außer Richard kennt meine Nummer, und er hat sich bisher noch nicht gemeldet. Es wird ein Sieg sein, wenn ich das Handy jetzt sofort vernichte und dieser Technik den Kampf ansage! Habe ich mich nicht nur deshalb zur Anschaffung erweichen lassen, da die Menschen, die bereits ein Handy hatten und davon abhängig wurden, mich drängten? Bin ich nicht außerdem von den Sendeantennen des Handynetzes, das immer dichter um mich herumgezogen wurden, bei Tag und Nacht in diese Richtung hin manipuliert worden? –

Moment mal. - Was ist das? - Abrupt durchzuckt mich ein Schock und ich halte inne. Ein Ton erklingt. Eine befehlende Melodie. Das Geräusch dringt tief ein in mein Bewußtsein. Nicht laut, aber unmöglich zu überhören, hell und schrill. - Mein Handy ruft! Dieser Anruf gilt mir! Ich weiss, ich muss ihn noch annehmen, genau hinhören. Nur an mich ist es gerichtet und unmöglich ist es zu ignorieren. Wie im Bann sind meine Gedanken ausgerichtet auf den Ton und ich sage mir: "Vielleicht ist es Richard? Wer könnte es sonst sein? Was will er?"
Als ich abhebe werde ich durchdrungen, besänftigt, gezähmt – ich funktioniere nun.