Roman Stumm
Spätes Erwachen
"Wie lange habe ich geschlafen?", frage ich mich, als ich langsam die Augen öffne und meinen Blick durch meine vertraute Wohnung streifen lasse. Die Müdigkeit lastet noch schwer auf mir; erst allmählich kann ich mich bewegen. Als ich mich aufzusetzen gedenke, erfasst mein Ruhesessel die Absicht und bringt mich sanft in eine aufrechte Position. "Auch dieser Tag ist bald zuende, und der Schlaf bringt mir kaum Erfrischung.", denke ich, als mein Blick auf den Bildschirm fällt, auf dem eine Zahl konstant aufleuchtet. Noch benommen vom Schlaf, der über mich gekommen war, rücke ich näher heran und starre eine Weile unbewegt auf die Anzeige.Es ist nicht nur eine Zahl; es ist ein Datum, und es kommt mir bekannt vor. Ich habe es schon viele Male in meinem Leben aufleuchten sehen, dem jedoch nie eine Bedeutung zugemessen. Der morgige Tag ist mein Geburtstag. Jeder Mensch hat einen Tag im Jahr, auf den dieser Begriff zutrifft, daher erschien es mir immer unnötig, dass die Kalender dies für ihren Besitzer hervorheben. Dieses Mal bleibt mein Blick jedoch auf dem Bildschirm haften, denn etwas ist anders. Ich spüre, nicht nur durch die Müdigkeit, die mich seit Monaten immer mehr umschließt, dass ich das Datum nicht ignorieren kann. In weniger als 24 Stunden werde ich ein ganzes Jahrhundert vollendet haben. "Ist das wirklich passiert?", frage ich mich und kann es mir nicht vorstellen. Das Leben vergeht mit zunehmendem Alter immer schneller, und an die letzten Jahrzehnte kann ich mich kaum erinnern, noch weniger bei weitem, als an die guten Jahre meiner Jugend.
"Was wird morgen geschehen?" Diese Frage kommt mir in den Sinn und gleich darauf erschrecke ich, denn ein Ereignis, das mit großer Sicherheit eintreten wird und mich wirklich aus der Bahn zu werfen droht, steht bevor: "Werden sie mich besuchen? Kommen Sie vorbei, um nachzusehen, wie es mir geht und mich zu beglückwünschen?" Als der erste Schreck über die Erkenntnis, dass ich morgen Menschen treffen und mit ihnen reden werde, überwunden ist, steigen schon wieder Zweifel in mir auf. Vielleicht wird gar nichts passieren. Es ist wohl wahr, dass heutzutage nur wenige mein Alter erreichen, aber hat das noch die gleiche Bedeutung wie zu meiner Jugend? Ich erinnere mich, dass jeder Mitbürger in unserer Stadt, der das 80. Lebensjahr erreicht hat, mit jedem Geburtstag – oder waren es nur die runden Jubiläen? – von einer Abordnung der Gemeinde aufgesucht wurde. Der Pfarrer, den es in fast jeder größeren Stadt noch gab, war dabei und tat fast nichts anderes als solche Besuche zu unternehmen. Ebenso kam jemand von der Stadt und ein Vertreter jeden Vereins, in dem man Mitglied war. Ich bin in keinem Verein jemals Mitglied gewesen und wüsste auch gar nicht, ob es in dieser Stadt noch so etwas wie Vereine gibt, in denen sich Menschen treffen. Ich kann es mir kaum vorstellen. Aber ich muss damit rechnen, dass ich morgen ein Gespräch führen und Gäste bewirten muss, dass morgen Gratulanten vor meiner Tür stehen werden um mich zu beglückwünschen, weil ich so lange unter ihnen gelebt habe.
Einerseits verunsichert mich diese Vorstellung, andererseits wird mir bewusst, dass ich schon seit langem keinem menschlichen Gegenüber mehr in die Augen geblickt habe. Habe ich wirklich einhundert Jahre unter den Menschen gelebt? Sicherlich sehe ich jeden Tag Menschen: in meinen Holo-Unterhaltungsprogrammen, die in jeden Raum meiner nicht gerade kleinen Wohnung projiziert werden, wenn ich es wünsche. Die Programme habe ich selbst noch vor vielen Jahren zusammenstellen lassen. Meinen Vorgaben entsprechend hat die Customizingeinheit meines Holo-Fernsehlieferanten, einer der modernsten autonom entscheidenden Roboter, die seinerzeit dafür eingesetzt wurden, die Einstellung vorgenommen: keine Sportsendungen, nur die wichtigsten Schlagzeilen der Nachrichten – denn
dies waren beides Dinge, die mich nicht sehr interessierten. In der Hauptsache empfange ich seither nach Wunsch Musik- und Unterhaltungssendungen. Dabei fällt mir auf, dass ich schon seit ich weiß nicht wie langer Zeit keine Nachrichtensendung mehr empfangen habe. Oder habe ich es nur vergessen, vielleicht verschlafen?
Ich denke nach. Es muss fast genau zwanzig Jahre her sein, dass ich zuletzt meine Wohnung verlassen habe. Das war zum Neujahrsfest der Jahrhundertwende. Ich erinnere mich jetzt daran, dass ich den Lift nach oben aus meiner Wohnung genommen habe, um die Feierlichkeiten auf der Strasse zu beobachten. Ich hatte lange gezögert, mich aber schließlich auf den Weg gemacht, was mir damals noch wesentlich leichter fiel als heute. Wohl eines der Anzeichen, die mir verdeutlichen, dass sich meine Zeit dem Ende zuneigt. Mit achtzig Jahren hatte ich mich noch körperlich fit und kräftig gefühlt. Ich kannte noch nicht diese Schmerzen, die mich seit einigen Monaten verstärkt in Gelenken und Knochen plagen. Ja, wie war das damals, als ich mit großen Erwartungen aus meiner Wohnung im minus vierzehnten Stockwerk dieses modernen und aufwendigen Hoch-, Tiefwohnkomplexes in den Lift stieg und nach einigen Minuten an der Oberfläche anlangte? Die vielen Lichter auf der Strasse fielen mir zuerst auf, und ich hatte erwartet, ebenso viele Menschen dort anzutreffen, um wie ich das neue Jahr zu begrüßen. Aber das zweiundzwanzigste Jahrhundert betrat ganz unspektakulär die Szene. Die Strassen waren fast gänzlich leer. Nur vereinzelt sah ich Menschen, meist ältere, hinter den Glasfronten der Eingänge ihrer Wohnkomplexe oder den Fenstern der Obergeschosse hinausblicken. In manchen Fenstern der unteren Stockwerke konnte ich Bewegungen wahrnehmen. Bis hinauf zum fünfundachtzigsten Stockwerk reicht der Blick nicht, denn die höheren Etagen sind durch den Staub der Stadt vor dem Auge verborgen. Ich erschrak, als mir bewusst wurde, dass ich fast allein unter freiem Himmel stand, hielt meinen Zugangschip vor den Sensor und die Pforte des Wohnkomplexes verschluckte mich. Nach wenigen Minuten im Lift stand ich wieder in meiner Wohnung. An diesem Abend war ich zuletzt unter Menschen und es kommt mir vor, als läge es inzwischen ein halbes Leben zurück. In Wahrheit ist nur eine Generation seither vergangen.
Vor zehn Jahren, zu meinem neunzigsten Geburtstag, erhielt ich nur einen kurzen Anruf. Ein Geburtenkalender in der Stadtverwaltung muss meinen Jahrestag gemeldet haben und ein höherer Beamter meldete sich über Visaphon, um mir seine Glückwünsche mitzuteilen. Damals war ich sehr verunsichert. Ich vermute, die Verwaltung stellt bei solchen Anlässen fest, ob die betreffende Person noch am Leben ist oder die Wohnung nur noch von den Haushaltsgeräten und einigen Dienstrobotern bewirtschaftet wird. Ein persönlicher Besuch wäre nicht möglich, ließ der Beamte verlauten, was mich natürlich erleichterte. Ohne dass ich nach weiteren Gründen gefragt hätte, entschuldigte er dies damit, dass die politische Situation, über die ich nie besonders informiert gewesen bin, im Moment dieses Risiko nicht zulasse.
Seit langem wurden keine neuen Nachrichten gesendet. Auch erinnere ich mich nicht, in den letzten Jahren aktuelle Berichte über die Situation anderer Länder empfangen zu haben. "Die politische Situation wird sehr ruhig geworden sein, oder die Menschen haben das Interesse an den Berichten verloren, so wie ich vor langer Zeit.", erkläre ich es mir.
Also wird morgen jemand hierher kommen und sich die Zeit nehmen mit mir zu reden. Werde ich dem standhalten können? Bin ich noch dazu fähig, mich mit Menschen zu unterhalten, mit denen ich die gleiche Luft atme? Ich verspüre ein Unbehagen bei dem Gedanken an den nächsten Tag, aber gleichzeitig flammt in mir ein Bedürfnis auf, das ich längst für gestorben erachtet hatte. Der Wunsch, jemandem in die Augen zu blicken und ihm zu berichten, dass ich spüre, wie sich mein Ende nähert. Vielleicht kann er mich davon überzeugen, dass ich die letzten Monate in einem Umfeld verbringen sollte, in dem man auf das vorbereitet ist, was mir bevorsteht. Ein Wohnkomplex für die Abgänger, die älteren Jahrgänge, die ich nun zweifellos bereits anführe. Er würde mir dies nahe legen, damit mein Ableben zeitnah bekannt wird und man meine Deregistrierung aus den Einwohnerdatenbanken vornehmen kann. Ein anderer wird bereits darauf warten, dass ihm eine Wohnung wie meine zugewiesen wird. Die unteren Wohnetagen sind nicht nur die kostspieligsten, sondern auch die begehrtesten, was sicherlich an der großzügigen Sonderausstattung liegt.
Alles funktioniert nach Wunsch vollautomatisch, was es mir nicht nur ermöglicht, bis jetzt allein zurecht zu kommen, sondern auch keine Bedürfnisse offen lässt. Die Instand- und Sauberhaltung der Wohnung wird durch Haushaltsroboter erledigt. Um Nahrungszubereitung brauche ich mich nicht selbst zu kümmern. Zu regelmäßigen Zeiten stehen Gerichte bereit, die ich von einem Ernährungsprogramm habe abwechslungsreich zusammenstellen lassen. Meist werden die Mahlzeiten fertig durch das Express-Röhrenpostsystem geliefert. Falls noch Zubereitungsaufwand zu leisten ist, übernimmt dies der Kochautomat von selbst. Sollte es einmal nötig sein, zum Beispiel bei Krankheit, dann wird mir Nahrung auch mundgerecht gereicht, also quasi gefüttert.
Im Schlaf findet eine medizinische Überwachung und regelmäßige Überprüfung statt, von der ich nichts bemerke. Werden Anomalien festgestellt, so kann es sein, dass man für mehrere Tage in einem Tiefschlaf gehalten wird und erst wieder aufwacht, wenn man schmerzfrei und gesund ist. Dies hat nicht immer problemlos funktioniert. Die ersten Geräte dieser Art, die man in Haushalten installierte, als immer weniger Menschen bereit waren, sich mit anderen in Krankenzimmern zusammenlegen zu lassen, konnten nur schwer entscheiden, wann es nicht mehr sinnvoll war, eine Behandlung aufzugeben oder fortzusetzen. So konnte, bei falscher Justierung ein minderschwerer Fall von Nierensteinen zu einem künstlichen Koma mit Ableben führen, bei anderer Fehlkonfiguration hingegen der Körper eines Hirntoten für Jahre hinaus versorgt werden ohne abzuschalten.
Aber zu diesem Zeitpunkt war der "Frei-Haus"-Trend bereits zu weit fortgeschritten, als dass jemand daran gedacht hätte, die Idee aufzugeben. Bereits vor meiner Geburt – das ist so lange her – war es üblich, die eigene Wohnung nur noch selten zu verlassen. Auch damals wurden Mahlzeiten vorzugsweise nach Hause geliefert, anstatt dass die Menschen selbst gekocht oder gar in Gesellschaft gespeist hätten. Alle Besorgungen und Einkäufe konnten von zuhause aus über Kommunikationsverbindungen erledigt werden. Das Holo-Shoppingcenter brachte dabei den endgültigen Durchbruch, der dazu führte, dass alle Kaufhäuser in wenigen Jahren verschwunden waren. Weder rechnete es sich von Logistik und Fläche her, die Dinge in einem Gebäude, das der Öffentlichkeit zugänglich war, zusammenzutragen und zu präsentieren, noch war dies weiter gefragt. Weder waren Menschen bereit, in diesem Umfeld zu arbeiten noch einzukaufen. Bereits das Problem der Anfahrt durch verstopfte Strassen und die Notwendigkeit einen Stell- oder Landeplatz für das gewählte Transportmittel zu finden und den Transport der Waren selbst zu übernehmen, brauchte so von den Einzelnen nicht mehr selbst gelöst zu werden. Durch zentrale Logistik gelangten Waren zeitnah und sicher zu den Kunden. Kaufhausüberfälle oder Diebstahl konnten wesentlich besser bekämpft werden und der Kunde hatte von zuhause zu jeder Zeit die Möglichkeit die Güter zu betrachten und zu bestellen.
Als ich in mittleren Jahren war, brach eine bis dato unbekannte Seuche in den meisten Großstädten aus, die viele Opfer forderte. Wie sie zustande kam, habe ich nie genau erfahren und es hat mich und die meisten Menschen auch nicht interessiert. Eine unglückliche Verkettungen von Zufällen hat wohl dazu geführt, dass der Erreger aus einer Produktionsanlage für Säuglingskosmetik freigesetzt wurde. Was viel bedeutender war, war die Tatsache, dass danach fast niemand mehr Veranstaltungen oder Orte aufsuchte, an denen eine größere Anzahl Menschen zusammentraf aus Sorge vor Ansteckung oder ähnlichen Unglücksfällen. Damit gehörten große Sport- und Kulturveranstaltungen in der Öffentlichkeit der Vergangenheit an. Nichts desto trotz sind aktuelle Veranstaltungen, wie etwa Konzerte jeder Zeit im Holo-Fernsehen zu erleben. Wesentlich besser höre und sehe ich dabei, auf was es ankommt, ohne mich auf die Strapazen einer Reise oder der schlechten Luft und dem Gedränge einer Menschenmenge einlassen zu müssen. Was im Holo-Fernsehen präsentiert wird, sind meist simulierte Sportveranstaltungen ohne menschliche Sportler. Diese waren zum Ende meiner mittleren Jahre nicht mehr zu finden, wobei auch die Zuschauer ihrer überdrüssig waren. Die menschlichen Leistungsgrenzen waren seit Jahrzehnten bekannt und wissenschaftlich beschrieben. Die Sportler durch immer raffiniertere Drogencocktails zu neuen Höhen zu züchten, war weder medizinisch noch moralisch akzeptabel. Viel interessanter und ethisch unbedenklich ist es seither, Programme oder Roboter immer besserer Bauart einander gegenübertreten zu lassen.
Dabei erringen die Herstellerfirmen nicht selten ihre großen Namen, die sie sich von den Kunden bei ihren anderen Produkten gut bezahlen lassen.
Die Gewalttätigkeit, die zeitweilig auf den Strassen der Großstädte herrschte, hat sich selbst dadurch überwunden, indem sie dazu geführt hat, die Menschen von den Straßen abzuschrecken. Durch Straßen oder Parks zu wandern war ein Risiko, dem sich immer weniger auszusetzen bereit waren. Mit der schwindenden Anzahl Möglichkeiten, ein Opfer zu finden verschwanden auch die Täter.
Die Wohnungen, die daraufhin gehäuft zu Zielen krimineller Absichten wurden, sind jedoch inzwischen so gesichert, dass ein unbemerktes und unbefugtes Eindringen nahezu unmöglich scheint. Diese Absicherung der eigenen Behausung durch künstlich intelligente, neuronale Anlagen, hat mit dazu beigetragen, dass nur noch offizielle Anlässe dazu genutzt werden, einen Menschen in der eigenen Wohnung aufzusuchen.
Mit den Menschen sind aber nicht nur Gefahren und Krankheiten von den Strassen der Siedlungen verschwunden, auch die menschliche Gesellschaft hat sich zu einem großen Teil reduziert und aufgelöst. Der Mensch hat seinen Anteil an seinem eigenen Leben, in Unterhaltung und Versorgung seiner Bedürfnisse, soweit zurückgefahren, dass er seine eigene Abwesenheit kaum bemerkt. Wann immer ich das Bedürfnis nach einer Unterhaltung verspüre, so steht mir das Sprach- und Unterhaltungsprogramm mit einer Vielzahl von virtuellen Gesprächspartnern zur Verfügung. Ich kann zwischen historischen und prominenten Persönlichkeiten auswählen oder mir einen Konversationspartner nach Wahl zusammenstellen. Ich kann jedes Thema anschneiden, ohne Tabu und auch beenden, wenn ich möchte. Über den Holo-Schirm erscheint der Kommunikationspartner als gleichwertiges Gegenüber.
Wen wundert da noch, dass die Menschheit seit nunmehr fast fünfundsiebzig Jahren einen dramatischen Geburtenrückgang feststellt? Ich habe mich niemals mit einer Frau, erst recht nicht mit einem Mann, eingelassen. Den Gedanken daran kann ich nicht weiter verfolgen, ohne dass mir übel wird. In der vormodernen Zeit war dies noch anders und Nachwuchs wurde unkontrolliert und meist in übergroßer Zahl von den Paaren erzeugt. Das hatte andere Probleme zur Folge, als die, mit denen die Menschheit zu meiner Jugend kämpfte. Staatliche Programme boten Anreize für junge Frauen und Männer, sich für künstliche Befruchtung und Samenspende zur Verfügung zu stellen. Die Aussicht auf eine bevorzugte Wohnung und andere Vergünstigungen haben dafür gesorgt, dass auch meine Mutter das Angebot wahrnahm. Vielleicht hätte es mein Leben bereichert, hätte ich meinen Vater gekannt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass mir auf diese Weise viele Probleme erspart blieben. Die Zeit bei meiner Mutter war kurz und liegt lange zurück. Ich habe dort jedoch gelernt, dass man einen anderen Mensch nicht durch elektronische Medien oder robotische Haushaltshilfen ersetzen kann, was ich später in meinem Leben zunehmend vergessen habe.
Dieses wiedererwachte Gefühl ist es, was in meinen letzten Lebensmonaten wieder durchzubrechen versucht. Daher blicke ich dem Besuch der offiziellen Stadtdelegation morgen nicht nur mit Unbehagen, sondern auch mit einer freudigen Erwartung entgegen. Ich werde die Person, ob eine oder mehrere, begrüßen und in meine Wohnung lassen. Ich werde Annehmlichkeiten anbieten und eine Unterhaltung führen. Die Aufmerksamkeit eines menschlichen Zuhörers, seine Stimme und was es von der Welt dort draußen zu berichten gibt, werde ich noch einmal genießen. Vielleicht ist es genau das, was mir fehlt und mich immer müder und schläfriger werden lässt.
Mit dem Gefühl, dass ich morgen einen bedeutenden, wahrscheinlich den zuletzt bedeutendsten Tag meines langen Daseins erleben werde, falle ich wieder in einen tiefen Schlaf.
Ich spüre Kälte in mir aufsteigen, als ich erwache. Den Scan der medizinischen Supervisionssensoren lasse ich wie gewohnt über mich ergehen und stelle fest, dass der Vormittag bereits weit fortgeschritten ist. Keinen Gedanken an meinen Geburtstag hätte ich gehabt, wenn nicht mein Kalender, noch deutlicher als am Vortag, mir dies durch seine Signalgebung nicht plötzlich ins Bewusstsein gerufen hätte. Das Datum blinkt, bis ich das Signal mit einer kurzen Handbewegung deaktiviere. Heute wird es geschehen, vielleicht schon im nächsten Moment! Bin ich vorbereitet? Wie viele werden kommen? "Reg dich nicht auf, alter Junge.", versuche ich mich zu beruhigen, aber es hat wenig Zweck. Ich erteile den Küchenautomaten mit knappen Worten die notwendigen Instruktionen, was den Gästen anzubieten sei, damit alle Vorbereitungen getroffen sind.
Dann bleibt mir nur noch das Warten.
Mein trüber Blick wandert wiederholt zur Uhr. Mit Ungeduld beobachte ich, wie die Anzeige über die Tagesmitte hinweg schreitet. Es ist genug! Ich muss einen Menschen treffen und mein Geburtstag bietet dafür den längst überfälligen Anlass. Um das Warten besser ertragen zu können, beginne ich in den Holo- Fernsehprogrammen zu schauen. Unterhaltungssendungen langweilen mich. Heute möchte ich wissen, was draußen vorgeht an meinem hunderdsten Geburtstag. Eine Roboter-Spielshow, eine Quizsendung, an der man teilnehmen kann, was aber niemand tut – vermutlich empfinden andere auch, dass man dergleichen schon zu oft gesehen hat. Musikclips im anderen Kanal, wobei ich das Gefühl habe, sie alle schon seit Jahren zu kennen. Werden denn nirgendwo aktuelle Berichte gesendet? Im nächsten Kanal endlich eine Informationssendung, doch aktuelle Daten höre ich dabei nicht. Die Moderationseinheit stellt vielmehr eine Zusammenfassung der Ereignisse vor, die vor fünfzig Jahren den Wahlkampf in Eurasien prägten. Es kann nicht anders sein, als dass ich die Programmauswahl neu konfigurieren muss. Offenbar sind die Nachrichtenfiltereinstellungen zu restriktiv gesetzt, so dass ich aktuelle Berichte nicht erhalte. Wenigstens eine Livesendung muss doch zu finden sein, denn dabei fielen immer gegenwartsbezogene Kommentare. Vergeblich. Um diese Tageszeit gibt es scheinbar nur uralte Wiederholungen. "Die Unterhaltungsindustrie ist ganz schön heruntergekommen.", folgere ich.
Wo bleiben meine Gäste? Warum bisher noch nicht einmal eine Nachricht im Visaphon? Am Ende ist mein Warten sogar vergeblich und niemand wird kommen. Diese Befürchtung beginnt in mir zu keimen. Wie kann das sein, wenn mein Geburtsdatum doch in den Zentralspeichern bekannt ist?
Die Mattigkeit, die seit dem Morgen nie ganz von mir gewichen ist, beginnt mich zu übermannen. Entweder ich muss ihr nachgeben und schlafen, oder selbst etwas unternehmen, um Gewissheit zu erlangen, was heute noch geschehen wird. An eine Möglichkeit habe ich bisher noch nicht gedacht: Ich könnte den ersten Schritt tun. Ich brauche bloß das Visaphon zu benutzen und mir die Nummer der Stadtverwaltung geben zu lassen. Dann werde ich erfahren, wer heute kommen wird und wann. Ich bin sogar entschlossen, von mir aus eine Einladung auszusprechen, denn ich glaube nicht, dass ich noch so viel Zeit habe zu warten, bis ich von einem Menschen in meiner Wohnung besucht werde. Das haben die letzten zwanzig Jahre bewiesen.
Ich werde von Aufregung ergriffen. Als ich zum Visaphon greife, zittern meine Hände – mehr als sonst. Mit trockener Zunge flüstere ich das Kommando, dass das Gerät dazu veranlasst, den Kontakt zur Stadtverwaltung zu suchen. Man wird mich für einen verwirrten Greis halten, ist meine Befürchtung. Eine Stimme meldet sich: "Die Verwaltung teilt leider mit, dass bis auf weiteres kein Ansprechpartner zur Verfügung steht. Für weitere Auskünfte steht Ihnen unser neuronales Informationssystem zu Diensten..." Enttäuscht und verwundert terminiere ich die Verbindung. Es war nur ein interaktiver Anrufbeantworter, kein Mensch.
Graue Schatten huschen vor mein Blickfeld. Die Anstrengung des Wartens und der Aufregung haben mich geschwächt, aber ich kann jetzt nicht aufhören. Dann werde ich eben einen Menschen direkt anrufen, der mir bekannt ist. Wer könnte das sein? In meinem Alter sind alle Bekannten, die man vor langer Zeit hatte, wohl längst verstorben. Ich habe sie überlebt, da mache ich mir nichts vor.
Freundschaften habe ich nicht mehr gehabt, seit ich meinen Beruf nicht mehr ausübe. Das ist seit fast vierzig Jahren, eine lange Zeit. Meine Kontaktdatenbank kann mir jedoch den Namen und die Visaphonadresse eines früheren jungen Arbeitskollegen nennen. Selbst er muss inzwischen längst im Ruhestand sein und hat noch nie einen Anruf von mir erhalten. Inzwischen spielt das keine Rolle mehr für mich. Der Gedanke, dass ich heute vielleicht zum letzten Mal in meinem Leben einem Mensch direkt in die Augen sehen kann, ist längst vom verleugneten Wunsch zur Besessenheit geworden. "Verbindung herstellen", weise ich an. Nach bangen Sekunden, in denen ich erwarte zu hören, wie die Gegenstelle sich meldet und ich mir schon überlege wie ich das Gespräch beginnen soll, erhalte ich die Meldung, dass der Anschluss nicht mehr aktiv sei. Die Adresse gibt es noch, ist jedoch seit Jahren nicht mehr genutzt worden. Also, wieder nichts.
Ich beginne mich wie in einem Alptraum zu fühlen, wo alles, was man beginnt zu nichts führt als immer wieder zum Anfang. Wo man gezwungen ist, sich im Kreis zu drehen. Was ist passiert? Ich möchte irgend eine Verbindung und weise mein Visaphon entsprechend an. Überall das gleiche: Inaktivität, keine Reaktion oder robotische Anrufbeantworter, die eine Nachricht entgegennehmen, aber sonst nichts mitzuteilen haben. Mein Visaphon muss defekt sein. Es ist mir in den letzten Jahren nicht aufgefallen, da ich es lange nicht benutzt habe. Aber die Wartungseinheit meiner Wohnung hätte dies erkennen und beheben müssen.
Was ist hier los?
"Holo-Fernsehen, sind aktuelle Meldungen vorhanden, die diese Stadt betreffen?" Ich wende mich sonst nur selten direkt an die Programmsteuerung. – "Nein, keine lokalen Meldungen vorhanden", die prompte Antwort. – "Zeig mir aktuelle Nachrichten." – "Nicht möglich, keine aktuellen Meldungen vorhanden." – Wie kann das sein? – "Ich möchte die letzten Beiträge sehen, die verfügbar sind." Jetzt dauert es nur wenige Sekunden bis das dreidimensionale Bild erscheint.
Der Beitrag liegt über fünf Jahre zurück. Von einer politischen Krise wird berichtet, die sich zugespitzt habe. Die Krise habe globale Ausmaße angenommen. Drei Flügel standen einander gegenüber. Ein Krieg wurde zunächst nicht für möglich gehalten. Stattdessen beteuerten Diplomaten, dass die Situation am Verhandlungstisch wieder in den Griff zu bekommen sei. Plötzlich wird Mobilmachung aller jungen Männer ausgerufen. Mobilmachung, wozu? Zu meinen Lebzeiten ist dies nie vorgekommen. Ich erinnere mich, dass dies in der Geschichte des vorletzten Jahrhunderts eine Rolle spielte. Dort waren Kriege in allen Teilen der Welt jederzeit möglich. Es ist von Angriffen zwischen zwei der drei Flügeln die Rede. Die Eskalation fand jedoch nicht hier statt, sondern am anderen Ende der Welt. Der dritte Flügel habe sich wechselseitig mal mit dem einen, mal mit dem anderen alliiert. Ich habe damals die aktuellen Meldungen nicht verfolgt und von dem Ausmaß des Konflikts nichts geahnt. Zuerst seien biologische Waffen eingesetzt worden, als Gegenschlag wurden Neutronenbomben erwogen, die als Abwehrsystem in der Erdumlaufbahn installiert sind. Ob diese eingesetzt wurden, ist leider nicht zu erfahren, denn die Berichterstattung endet plötzlich. Wurde diese Stadt in Mitleidenschaft gezogen? Sind die Kommunikationseinrichtungen so stark beschädigt worden, dass die Visaphonverbindungen noch immer gestört sind? Noch immer hat die Verwaltung wahrscheinlich wichtigeres zu tun, als greise Einwohner zu besuchen, um ihnen zum Geburtstag zu gratulieren.
Mein eigenes Anliegen kommt mir plötzlich unbedeutend vor. Wenn ich Menschen treffen will, anstatt einsam hier unter der Erde zu sterben, wenn ich erfahren will, was draußen auf den Straßen los ist, dann muss ich den Weg nach oben gehen.
Es ist bereits später Nachmittag. Meine Hoffnung auf Besuch ist längst erloschen, aber mein Entschluss steht fest. Ich werde meine Wohnung heute verlassen um nachzusehen! Dazu sind wenig Vorbereitungen zu treffen, aber die medizinischen Sensoren raten mir davon ab. Doch worauf soll ich warten? Wann soll es mir besser gehen? Seit Monaten setzt der folgende Tag die Tendenz des vorherigen nur fort. Meine Energie ist fast zu Ende. Vielleicht kann ich den Entschluss nur noch heute umsetzen, wenn überhaupt. Ich habe schon zu lange hier unten geschlafen.
Der Gang vor meiner Wohnung ist aufgeräumt, leer und still. Ich beabsichtige den Lift zu nehmen. Langsam bewege ich mich auf ihn zu. Das Gehen strengt mich an, und ich muss mich am Geländer im Gang festhalten. Obwohl meine Wohnung geräumig ist, ist es doch kaum erforderlich darin einen Schritt zu laufen. Alles wird gebracht oder der Ruhesessel bewegt sich selbst umher. Nach draußen muss ich es auf eigenen Beinen schaffen. Die Lifttür öffnet sich. Niemand darin, so trete ich ein. Neonlicht erleuchtet kalt die Armatur. Ich drücke auf "Level 0 - Erdgeschoss". Kaum ist der Lift angefahren, da überkommt mich eine Ahnung. und ein flaues Gefühl der Furcht klopft an meinen Schädel. Ich betätige die Knöpfe, um in Level minus drei und minus zwei je einen Zwischenstopp zu machen. Auf der Fahrt nach oben behalte ich die Stockwerksanzeige im Blick wie sie gen Null hochzählt.
"Level –3" Der Lift hält und die Tür gleitet zur Seite. Wie ich befürchtet hatte, bietet sich hier das gleiche Bild. Der Gang, leer, still und sauber. Nur ein paar Schritte bis zur nächsten Wohnungstür. Ich halte meinen Zugangschip für den Wohnkomplex vor den Sensor der Wohnungsauthentifizierung. Obwohl der Signalton deutlich zu hören ist, öffnet niemand. Nochmaliges Versuchen, Warten, Klopfen bringt keine Änderung. Niemand zuhause. Eindeutig. Eine kalte Angst steigt in mir hoch. Ich wende mich um und betrete den Lift erneut.
"Level –2" steht auf der Stockwerksanzeige als sich die Kabinentür zum zweiten Mal öffnet. Die Stille im Wohnkomplex ist auffallend. So dicht unter dem Erdgeschoss sollten schon die Geräusche der Stadt zu hören sein. Aber wie kann ich das noch wissen? Vielleicht hat mein Gehör in den letzten zwanzig Jahren mehr nachgelassen als ich mir selbst eingestehe. Ich spüre mein Herz bis hinauf in den Hals schlagen. Mein Kreislauf, der mit der Beschleunigung im Lift zu ringen hat, droht zu versagen. Ich atme mehrmals tief durch bevor ich mich aufraffe, durch die Chipkarte an der nächstgelegenen Tür zu läuten. Von innen her ertönt eine Stimme: "Der Bewohner dieser Wohnung ist nicht erreichbar. Um eintreten zu können, fehlt Ihnen die Berechtigung." - Es ist ein Haushaltsroboter, der durch die Sprechanlage zu hören ist. "Wann wird der Bewohner anwesend sein?", möchte ich wissen. Der Roboter antwortet: "Das Rückkehrdatum ist nicht angegeben. Keine Information ist möglich." Diese Reaktion überrascht mich nicht mehr. Angst umklammert mein Herz und lähmt mich, bis ich mich losreiße. Wenige Augenblicke später stehe ich wieder im Lift.
Als die Lifttür sich im Erdgeschoß auftut, stehe ich in der Eingangshalle. Kalter Schweiß läuft mir von der Stirn in die Augen. Ich schleppe mich vorwärts bis zur Tür nach draußen. Die Halle ist menschenleer. Das, was ich vermute zu sehen, wenn ich das Gebäude verlasse, schnürt meine Kehle zu. Ich muss innehalten, lausche nach Geräuschen menschlichen Miteinanders. Dröhnende Stille umgibt mich, das Summen des Lifts ist einzig zu hören. Im Hintergrund der Halle arbeitet ein Reinigungsroboter mechanisch vor sich hin ohne Notiz von mir zu nehmen.
Als sich die Einlasspforte öffnet und ich die Straßen der Stadt vor mir sehe, treten Tränen in meinen Augen. Sie rühren vom Sonnenlicht her, dass mir ins Gesicht scheint. Der klare Himmel ist zu sehen, die Hochwohnkomplexe bis in ihre Spitzen erkennbar. Niemals zuvor war der Nebel aus Staub verschwunden wie jetzt. Der Staub, der die Stadt bedeckte war ein Produkt des Menschen und ein Beweis seines Wirkens. Nun erkenne ich, dass ich vergeblich auf Besuch gehofft habe.
Meine letzte Befürchtung ist bittere Wahrheit geworden. Weder heute noch an einem anderen Tag wird mir ein Mensch begegnen. Die Maschinen halten jetzt die Stellung in der Welt und erwarten auf ewig die Rückkehr ihrer Herren. Organisches Leben ist ausgelöscht. Der Krieg an der Oberfläche war absolut. Die Neutronenwaffen haben funktioniert ohne Sachschaden zu verursachen. Nur das Leben wurde vernichtet, ein Aspekt ging verloren, losgelöst vom Rest. Eine neue Ära hat begonnen deren Anfang ich verpasst habe. Meine Existenz ist nichts weiter als ein Anachronismus, der bald historisch wird.
Betäubt von Hoffungslosigkeit sehe ich keinen Sinn darin, in meine Wohnung zurückzukehren. Mir fehlen Kraft und Wille dazu. Was könnte ich noch erwarten?
Unbeweglich erblicke ich als letzter Mensch, wie die Sonne an diesem Abend über den neuen Herren der Welt, die in Wahrheit noch immer Sklaven der alten Herren sind, hinabsinkt und Dunkelheit mich für immer umgibt, ohne dass meine Augen zufallen.
Hennef, Juli 2002
SOS – keiner hört,
SOS – keiner sieht,
SOS – keiner merkt,
wie die Welt untergeht.
(Toxoplasma)
SOS – keiner hört,
SOS – keiner sieht,
SOS – keiner merkt,
wie die Welt untergeht.
(Toxoplasma)