Roman Stumm
Traum(be)deutung
Traumdeutung ist ein schwieriges Gebiet und kann mitunter unerwartete Konsequenzen haben.Das musste einst auch der Mann erkennen, der so gerne mit seinem schnellen Auto fuhr. Denn er träumte in einer Nacht, dass ihm eine dunkle Gestalt begegnete. Sie war in graue Gewänder gehüllt, so dass er im Traum das Gesicht nicht erkennen konnte. Sie stieg aus dem Auto aus, einem roten Maserati, so wie der Mann auch einen sein stolzes Eigentum nannte, und sagte: "Ich schlage eine gemeinsame Fahrt vor. Nimm Deinen Wagen. Wir wollen sehen, wer zuerst am Ziel ist." Die Gelegenheit zu einer Rennfahrt ließ der Mann nie ungenutzt verstreichen, und so ging die Fahrt über lange Straßen, wobei der Graue immer eine Wagenlänge Vorsprung hatte.
Vor einem langen Tunnel, der durch einen Berg führte, war die Möglichkeit, auch die längere, gewundene Passstraße zu nutzen. Zur Überraschung des Mannes entschied sich der Graue nicht für den Tunnel, sondern bog rechts auf den Pass ab. Der Mann schoss durch den Tunnel, und als es am anderen Ende wieder hell wurde, hatte er den Grauen überholt, der noch oben die Passstraße entlang fuhr. Am Ziel triumphierte der Mann mit einigen Minuten Vorsprung.
"Gut gemacht – meinen Glückwunsch!", sagte der Graue, "Der Weg durch den Tunnel war der kürzere, so konntest Du siegen. Ich will Dir etwas mit auf den Weg geben: Ich bin Dein Schatten. Und solange Dein Schatten noch bei Dir ist, wird es nicht Deine letzte Fahrt gewesen sein." Das erstaunte den Mann, der in diesem Moment aus seinem Traum erwachte.
Er konnte sich dafür keine andere Deutung denken, als die frohe Botschaft seines Schattens, dass er wohl noch sehr lange unfallfrei zu fahren hätte, denn seinem Schatten kann ja niemand entfliehen. Das beruhigte den Mann.
Als er ein paar Tage später wieder einmal mit seinem Maserati unterwegs war, wie ein Blitz in der Landschaft, fast abgehoben vor Geschwindigkeit und das so richtig genoss, kam er plötzlich auf einen langen Tunnel zu. Vor dem untertunnelten Berg führte die enge Passstraße in vielen Windungen rechts den Hang hinauf. Beruhigt erinnerte sich der Mann an seinen Traum mit der Prophezeiung und schoss in den Tunnel.
Dann war es dunkel...
Zwischen Karlsruhe und Bruchsal im Zug geschrieben am 15.09.1993