Thomas Ponten
Kassendrama
Ich habe den Glauben, daß wir nicht geboren worden sind, nur um glücklich zu sein, sondern um unsere Pflicht zu tun und wir wollen uns segnen, wenn wir wissen wo unsere Pflicht ist.
Nietzsche
Nietzsche
-1-
Piep, Piep, Piep, Piep, Piep, Ratterrrrrrrrrr, Rrrrrrrrrrrrr."36,86 bitte."
"Sechsaochzge müßad i hom" grunzte die fette Frau und kramte in ihrem speckigen Geldbeutel nach Münzen. Die Schlange an der ersten Kasse reicht schon fast bis in den Getränkemarkt und der Kassierer wollte schon "2. Kasse bitte" in das obszön aus der Wand rüsselnde Mikrophon raunen, als ihm wieder einfiel, daß er ja heute ganz alleine im Supermarkt war.
Heute morgen um 8, als er zur Arbeit kam war niemand da gewesen. Es war zwar alles aufgesperrt, die Lichter waren an und das Einkaufsradio bot Schmelzkäse feil, aber es war eben niemand von seinen Kollegen da! Aber das änderte sich sehr bald. Schon um halb 9 drängten Unmengen von Menschen mit vor Kaufgeilheit verzerrten Gesichtern in den Markt.
"Show must go on" hatte sich der Kassierer gedacht und beschloß den Markt heute eben mal alleine zu schmeißen.
Um sich ein wenig den Rücken freizuhalten hing er ein großes Plakat mit der Aufschrift "Wegen Diphterie geschlossen" über die Wursttheke und stellte das Kühlaggregat in der Obstabteilung auf -20°.
So sah das Obst den ganzen Tag schön frisch aus.
Zumindest hoffte er das.
Die Leute könnten sich ihr Obst ja dann daheim wieder auftauen.
So abgesichert ging der Kassierer ins Büro, stellte sich eine Flasche Blutzwurz ins Gesicht und machte eine Kasse auf.
Das war jetzt 4 Stunden her und seitdem hatte der Kassierer ununterbrochen kassiert ohne daß die Schlange an seiner Kasse auch nur ein kleines Stückchen kürzer geworden wäre.
Im Gegenteil.
Die fette Kundin war immer noch am zählen.
"Siemafufzg, ochtafufzg, neinafufzg..."
"sechzig, sechzig, sechzig," dachte sich der Kassierer "ich weiß, ich weiß".
Er seufzte leise.
Mittlerweile hatte sich die Schlange einmal um den Getränkemarkt gewickelt und kroch langsam Richtung Drogeriebateilung.
"Danke für ihren Hinweis. Wir werden sofort eine weitere Kasse öffnen".
Irgend so ein Trottel mußte den Kassenrufknopf entdeckt haben.
Der Kassierer nahm sich vor, den Knopf auszuschalten.
Es würde ja heute doch keine zweite Kasse mehr geben.
"Oanaochzg, zwoaraochzg, dreiaochzg.... na i kriegs do net zam, müssmas onders moha".
Die fette Kundin schaufelte den Münzberg zurück in ihren Geldbeutel und klatschte dem armen, wechselgeldknappen Kassierer einen 500 Schein hin.
Der Kassierer nahm das Wechselgeld aus der Kasse und warf es in den Ausgangsbereich.
"Auf Wiedersehen" sagte er freundlich zu der etwas verdutzten Kundin "schönes Wochenende".
Mal ein bißchen Souveränität zeigen.
Er war ja jetzt sozusagen Marktleiter.
Reality bites
"Hey,... hey,... heeey,.... Kassierer! Hören sie mich ?"Der Kassierer sah von seinem Block auf und blickte in das leicht wütend wirkende Gesicht seines Chefs.
"Kassierer, so geht das nicht. Das ist schon das dritte Mal diese Woche, daß ich sie beim Nichtstun im Getränkelager erwische. Sie müssen sich zusammenreißen, lange schau ich mir das nicht mehr an. Es ist einfach unfair gegenüber ihren Kollegen, die sich abrackern, während sie hier Nickerchen oder sonst was machen."
Der Kassierer machte eine abwinkende Handbewegung und gähnte ausgiebig.
"Ach Chef, sie immer mit ihrer Realität, ihrem Rumgemecker und dem goldenen Namensschild. Da widme ich doch lieber wieder meiner Leergutinventur."
Er wedelte mit ein paar engbeschriebenen Seiten vor seinem Chef rum.
"Ich muß weitermachen, wenn sie mich bitte entschuldigen würden."
Mit diesen Worten schrieb er weiter.
Der Chef war fürs erste zufrieden.
-2-
Es ging auf 12 Uhr zu.Der Kassierer bekam Hunger. Die Kundin an der Kasse hatte gerade einen Exquisa-Snack auf das Laufband gelegt. Der kam dem Kassierer gerade recht.
"Den kann ich ihnen nicht verkaufen, der ist abgelaufen. MHD technisch," sagte er und griff sich den Riegel.
"Aber ich habe doch extra nachgesehen, der ist doch noch bis Ende des Monats haltbar" protestierte die Kundin.
"Dann ist er eben vergiftet oder konfisziert oder so, ist mir auch egal, ich freß den jetzt auf alle Fälle und wenn's ihnen nicht paßt, denn können sie sich ja beim Marktleiter beschweren und das bin ich und jetzt raus in meinem Laden" brüllte der Kassierer.
Die Kundin sah ihn entsetzt an und verließ dann, irgendwas von 'Servicehölle' fluchend, den Laden.
Zufrieden setzte sich der Kassierer hin und fing an den Exquisa-Snack zu verspeisen.
"Danke für ihren Hinweis. Wir werden..."
"Einen Feif werden wir" brüllte er in das Ladenmikrophon, "der nächfte der auf den Klingelknopf drückt kommt inf Kühlhauf. Und jeft werden wir unf alle ein wenig gedulden bif ich meinen Ekwifa-Fnack aufgegeffen habe und dann werden wir unf fön wie erwaffne Menfen in einer fauberen flange aufftellen und ich werde einen nach dem anderen abkaffieren."
Vorstellungsgespräch
Gott nickte zustimmend und rieb sich sein haariges Kinn."Hmja, gefällt mir sehr gut bisher. Hast du das selbst geschrieben?"
Der Kassierer sah sich erstaunt um.
Wolken. Engel. Gott.
Das hier musste wohl der Himmel sein.
Oder der katholische Kirchentag.
Aber dazu fehlten die Hartplastikschalenstühle und die singenden Schizophrenen.
"Was mach ich denn im Himmel", fragte er verwirrt, "bin ich tot?"
"Noch nicht. Aber ich dachte, wir könnten uns schon mal kennen lernen. Setz dich doch.
Willst du was trinken?"
Der Kassierer setzte sich auf eine Wolke.
"Was hast du denn da? Hast du Spezi?"
Gott überlegte kurz.
"Spezi...hm... nein, nie davon gehört. Ist das gut?"
"Hey Mann! Das ist sogar spitze! Aber wenn du kein Spezi da hast, trink ich eben was du trinkst."
"Fein. Dann mach ich uns zwei Kreuznagler. Die hab ich selbst entworfen."
Gott öffnete eine Klappe in einer etwas größeren Wolke, holte allerlei schwebende Flaschen heraus und begann die Drinks zu mixen. Dabei pfiff er 'Smoke on the water' vor sich hin.
Der Kassierer sagte gar nichts.
Er war hin- und hergerissen zwischen Verwirrung und Vorfreude auf den Kreuznagler.
Gott gab ihm einen Drink und setzte sich neben ihn. Der Kassierer nahm einen
großen Schluck.
"Wow, der ist echt gut. Was ist denn da drin?"
"Weihrauch, Myrre, Messwein, Wodka, Red Bull und Weisheit."
Der Kassierer schaute überrascht auf.
"Du meinst, so reine, erleuchtete Weisheit"?
"Nein, das ist so ein Kräuterschnaps. Der heißt so."
"Ach so."
Sie saßen eine Zeitlang einfach nur so da und nippten an ihren Cocktails.
Gott brach das Schweigen.
"Und? Wie gefällt es dir so da unten?"
"Es ist okay. Etwas viel Dummheit und Luftverschmutzung. Außerdem ist das Wetter meistens schlecht und das Fernsehprogramm auch."
"Das mit dem Fernsehen liegt in eurer Hand, da kann ich nichts dafür. Und als ich das letzte Mal unten war, kamen eigentlich ganz brauchbare Sachen. Gibt es diese Serie noch über den Geheimagenten oder Detektiv der aus allem irgendwas basteln konnte. Das fand ich cool."
Der Kassierer überlegte.
"Meinst du McGyver?"
"Ja genau so hieß das."
"Das kommt nur noch tagsüber als Wiederholung auf Kabel1."
"Schade. Hast du die Folge gesehen in der McGyver vergiftet wird und das Gegengift fällt in einen Gully und McGyver schnappt sich so 'ne fette Metallstange und drischt damit auf einen Hydranten ein, um..."
"Sorry, Gott, ich will nicht unhöflich sein, aber du hast mich doch nicht hier hoch geholt um über McGyver zu reden?"
"Nein, nicht wirklich. Ich wollte dich nur mal kennen lernen. Weißt du, früher lief das alles über Petrus und der hat jeden reingelassen, so daß irgendwann der ganze Himmel voller Gesindel war. Und da hab ich einfach beschlossen in Zukunft alle potentiellen Kandidaten erstmal kennen zu lernen und selber zu entscheiden. Darum geht es!"
"Okay, ich verstehe. Und, bin ich...würdig?"
"Ich denke schon."
"Schön."
Wieder schwiegen beide.
"Also" sagte Gott schließlich "was machst du so da unten?"
"Ich arbeite in einem Supermarkt" antwortete der Kassierer.
"Und sonst?"
"Was meinst du?"
"Ich meine, du arbeitest doch sicherlich nicht den ganzen Tag im Supermarkt, oder? Du machst das doch nicht aus Berufung!"
"Nein, nicht wirklich."
"Siehst du. Was machst du denn sonst so. Was würdest du gerne machen. Was möchtest du vor deinem Tod noch unbedingt machen?"
"Du darfst aber nicht lachen."
"So lange du nicht 'das Christentum in der Mongolei einführen' sagst, werde ich nicht lachen."
"Okay. Also ich würde noch gerne diese Geschichte fertig schreiben."
"Was soll denn daran lustig sein. Der Anfang ist doch schon ganz gut. Hört sich recht interessant an."
"Findest du? Ich befürchte, daß so einen Scheiß kein Schwanz lesen will."
Der Kassierer hielt sich die Hand vor den Mund.
"Darf man im Himmel Schwanz und Scheiß sagen?"
"Na ja," antwortete Gott, "eigentlich nicht. Aber ich will mal beide Fotzen zudrücken."
Beide lachten. Der Kassierer fing an Gott zu mögen. Er war ein witziger Kerl.
"Wie soll die Geschichte denn ausgehen?"
Der Kassierer zuckte mit den Schultern. "Das weiß ich noch nicht so genau."
"Na ja, ein bißchen Zeit hast du ja noch".
"Was soll das heißen? Sterbe ich bald?"
Gott lachte. "Netter Versuch. Das darf ich dir natürlich nicht verraten. Aber ich sag mal, beeil dich ein bißchen mit dem Roman....oder der Kurzgeschichte. Aber jetzt ist es leider Zeit für dich zu gehen. Bis bald."
Mit diesen Worten drückte Gott auf einen kleinen Knopf an der Lehne seiner Sitzwolke.
Der Kassierer spürte ein Rumoren unter sich und sank immer tiefer in seine Wolke ein. Er wollte sich aus seinem Sitz befreien, aber es gelang ihm nicht, sich zu erheben. Immer tiefer sank er hinab und bald war seine Wolke über ihm und er schwebte langsam Richtung Erde. Das letzte was er vom Himmel sah war Gottes Kopf, der sich durch einen Spalt in den Wolken schob und ihm freundlich winkte.
"Bring beim nächsten Mal Spezi mit" rief er ihm hinterher.
Reality bites noch immer
Diesmal weckte der Lehrling den Kassierer indem er ihn heftig an der Schulter rüttelte. Der Kassierer setzte sich auf, rieb sich die Augen und sah sich um.Er lag noch immer im Getränkelager vor der Öffnung die zum Laufband führte, das die leeren Kästen vom Pfandautomaten ins Getränkelager beförderte.
"Was ist denn? Warum hast du mich geweckt?"
"Sie haben im Schlaf geschrieen. Außerdem ist gleich Feierabend."
"Ist schon okay. Sag dem Chef ich mach noch Überstunden. Schlüssel zum absperren hab ich ja."
Der Lehrling nickte.
"Ist gut, ich sag's ihm."
Er deutet auf einen Bündel alter Lieferscheine die der Kassierer eng beschrieben hatte.
"Was schreiben sie denn da?"
Der Kassierer schob die Blätter in seine Kittelschürze.
"Gar nichts. Unwichtig. Geschäftlich. Und jetzt laß mich bitte weiter arbeiten."
Der Lehrling sah ihn etwas verwundert an und ging dann.
Endlich! Immer diese verdammten Unterbrechungen. Wo war er stehen geblieben? Er durfte jetzt auf keinen Fall den Faden verlieren. Langsam mal zum Thema kommen. Er zündete sich eine Zigarette an und machte weiter.
-3-
Mittlerweile hatte der Kassierer alles ganz gut im Griff.Er kassierte einen nach dem anderen ab, seine Kasse wurde voller und voller.
Seit seiner kleinen Ansprache hatte niemand mehr auf den Knopf gedrückt, die Leute, die schon lange anstanden warnten die Neuankömmlinge, der Laden wurde immer voller aber die Stimmung war gut. Sobald der Kassierer Hunger oder Durst bekam, nahm er sich einfach etwas aus dem reichhaltigen Angebot auf dem Laufband.
Niemand protestierte.
Alles ging seinen Lauf.
Das panische Piepsen sämtlicher überlasteter Maschinen vermischte sich mit dem fröhlichen Gesang des Kassierers.
Und gerade als so etwas ähnliches wie eine gemütliche Atmosphäre aufbauen wollte, legte sich eine Hand auf seine Schulter.
Er drehte sich um und erschrak.
Der Bezirksleiter wedelte aufgeregt mit seiner Marktbegehungsliste.
Wenn er jetzt den kleinsten Fehler machte, war alles aus.
Befehl von oben
-
Als er das nächste Mal gestört wurde lag er schon ein gutes Stück innerhalb des schmalen Ganges durch den das Laufband führte.
Draußen war kein Geräusch mehr zu hören. Es schien schon weit nach Feierabend zu sein.
Ein schwarzgekleideter Mann kniete über ihm.
Der breitkrempige Hut den er trug warf einen Schatten auf sein Gesicht.
Er strömte etwas wirklich Bedrohliches aus.
'Wer sind sie denn?' fragte der Kassierer mit leicht zitternder Stimme.
'Fartmeier. REWE Prosaabteilung' antwortet der schwarze Mann.
'Häh?'
'Fartmeier. REWE Prosaabteilung.'
'Ja, ja, das hab ich schon versanden. Aber was...wollen sie?'
'Die REWE schickt mich. Wissen sie, wenn jemand Geschichte über die REWE oder ihre Märkte schreibt, will sie natürlich wissen um was es da geht, wie sie dabei wegkommt und ob nicht vielleicht irgendwelche Interna ausgeplaudert werden. Zeigen sie mal her!'
Fartmeier griff nach den Blättern.
'Nichts da. Finger weg !'
Der Kassierer hatte zwar immer noch ein wenig Angst, aber er wollte auf gar keinen Fall, daß irgend jemand, außer vielleicht Gott, die Geschichte las bevor sie fertig war.
'Ich zeige sie der REWE selber sobald ich fertig bin' sagte er bestimmt.
Fartmeier zuckte mit den Schultern.
'Wie sie wollen. Wenn sie es sich unbedingt unnötig schwer machen wollen. Ihre Sache'
Er griff sich kurz an die Kante seines Hutes und verbeugte sich leicht.
Dann kletterte er durch die schmale Öffnung wieder nach draußen.
'Auf Wiedersehen'
'Warten sie' rief ihm der Kassierer hinterher 'wo finde ich die REWE?'
'Gar nicht' sagte Fartmeier ohne sich umzudrehen 'die REWE findet sie.'
Wiedersehen mit Gott
Gott stand mit dem Rücken zu ihm und spülte pfeifend Gläser ab.Er schien den Kassierer noch nicht bemerkt zu haben.
"Mann, dieses Fairy Ultra ist echt der Hammer", sagte Gott und hielt ein Glas gegen das Licht, "absolut streifenfreier Glanz".
Er drehte sich um und sah den Kassierer überrascht an.
"Was machst du denn schon wieder hier?"
Der Kassierer war etwas verärgert.
"Das wüßte ich auch gerne. Eben war ich noch im Getränkelager und hab mit so nem komischen Typen in schwarz geredet und jetzt...."
Gott sah überrascht aus.
"Fartmeier war bei dir?"
"Du kennst ihn?"
"Er hat mal für mich Evangelien gefälscht"
"Gefälscht?"
"Ist ne lange Geschichte. Ich hab ihn dann aber rausgeschmissen, weil er Büromaterial geklaut hat. Seitdem arbeitet er für die Gegenseite."
Gott drehte sich wieder um und spülte weiter ab.
Nach ein paar Minuten hielt es der Kassierer nicht mehr aus.
"Was ist denn nun?"
"Oh. Entschuldige" Gott drehte sich wieder zu ihm und bohnerte an einem Rotweinglas herum. "Wieso hast du eigentlich kein Spezi dabei?"
Der Kassierer sah Gott wütend an.
"Wenn du mit beim nächsten Mal etwas früher mitteilen würdest, wenn du mich hier hoch holst, könnte ich auch Spezi mitbringen."
"Ich hab dich nicht hier her geholt. Du bist von selber gekommen. Brauchst du vielleicht irgendwas?"
"Nein, eigentlich nicht."
"Hast du vielleicht gebetet?"
"Nein. Ich bete nie."
"Gut zu wissen." Gott grinste.
"Was braucht man denn eigentlich um sich dieses Spezi zu mischen?"
"Eigentlich nur Cola und Orangensaft. Aber das schmeckt dann nie wie Original-Spezi."
"Orangensaft hab ich eh nicht da. Mist!"
Gott sah ernsthaft enttäuscht aus. Er drehte sich wieder um und fing an ein Weißbierglas zu putzen.
"Hast du vielleicht eine Flaschenbürste dabei? Ich krieg den Boden nicht richtig sauber."
"Nein," sagte der Kassierer, "tut mir echt leid"
"Ach, schon in Ordnung. Widmen wir uns lieber wichtigeren Sachen. Was wollte Fartmeier eigentlich von dir?"
"Er wollte meine Geschichte lesen."
"Und? Hat sie ihm gefallen?"
"Ich hab sie ihm nicht gegeben. Ich werde sie der REWE selber bringen."
"Du willst wirklich in das dunkle Reich der REWE hinabsteigen. Weißt du denn, wo du sie findest?"
"Nein. Aber Fartmeier hat gesagt, sie wird mich finden."
"Na gut. Aber bedenke, daß nie jemand aus dem Reich der REWE zurück kam."
"Na spitze" sagte der Kassierer, "dann kann ich ja gleich noch zur Legende werden."
Gott lächelte etwas gezwungen und hob seinen Daumen. Es wirkte nicht sehr überzeugend.
Kündigung
-
Diesmal lies der Marktleiter sämtliche Höflichkeit links liegen und weckte den Kassierer mit einigen leichten Fußtritten.
"Es reicht jetzt, Kassierer! Ich hab sie heute den ganzen Tag gesucht und jetzt finde ich sie wieder schlafend neben dem Leergutlaufband. Sie sind entlassen. Packen sie ihre Sachen und gehen sie heim. Morgen können sie ihre Papiere abholen."
Der Marktleiter sah den Kassierer angewidert an und schüttelte den Kopf.
"Mein Gott, wie kann man sich nur so gehen lassen ? Wie sie stinken! Haben sie etwa seit gestern abend hier gelegen?"
"Kann schon sein", antwortete der Kassierer schulterzuckend, "ich hab ein wenig das Zeitgefühl verloren".
"Nicht nur das", sagte der Marktleiter im rausgehen, "nicht nur das!"
"Ignorant" zischte der Kassierer ihm hinterher.
Was wusste der Marktleiter schon von literarischer Berufung?
Vom unwiderstehlichen Drang der Inspiration?
Der Kassierer war froh diese Hölle der Ignoranz bald verlassen zu können.
Aber jetzt noch nicht.
Etwas wollte er noch erledigen.
Etwas musste noch fertig gestellt werden.
Der Kassierer nahm sich einen neuen Bleistift aus seiner Schürze, vergaß Hunger, Durst und Harndrang und fing an sich Gedanken über den Showdown zu machen.
-4-
Der Bezirksleiter wartete bis nach Dienstende im Büro auf den Kassierer.Als dieser mit seiner vollgestopften Kassenlade ins Büro kam, fing er sofort an rumzuschreien.
"Was ist hier eigentlich los? Warum ist das Gemüse gefroren? Warum paaren sich Teenager auf der Tiefkühltruhe? Warum liegen Obdachlose in der Schnapsabteilung? Wie lange steht der Termitenhaufen schon auf der Wursttheke? Warum sind sie ganz alleine hier?"
"Das wüßte ich auch gerne. Heute Morgen, als ich zur Arbeit gekommen bin, war keiner da" antwortete der Kassierer.
"Dann haben sie den Laden zu schließen und Personalanforderungsformular 17b an die Zentrale zu schicken"
"Aber ich dachte 'Show must go on' und so" sagte der Kassierer kleinlaut.
"Sie sind nicht zum denken hier" brüllte der Bezirksleiter mit hochrotem Kopf, "sondern zum kassieren!"
Der Bezirksleiter ließ sich auf einen Stuhl fallen und fing an seine Bewertungsliste rot zu colorieren.
"Äähm..." unterbrach ihn der Kassierer nach einiger Zeit.
Der Bezirksleiter sah von seiner Liste auf und sagte fast verwundert: "Was wollen sie noch hier? Packen sie ihre Sachen! Verschwinden sie!"
Der Kassierer verließ das Büro und ging seinen Spind leer räumen. So dankte man ihm also seinen Einsatz in Krisenzeiten. Er warf seinen Kittel in die Ecke und sammelte die Pfandflaschen ein, die sich im Laufe der Zeit in seinem Spind angesammelt hatten. Wütend grummelnd ging er zum Pfandautomaten.
Zu allem Überfluß war der Apparat natürlich auch noch defekt. Die dritte Flasche verklemmte sich in der Öffnung und der Apparat fing an wie wahnsinnig zu piepsen.
"Transportstörung! Flasche manuell entnehmen"
stand auf dem Display.
Der Kassierer griff mit dem Arm in die Öffnung und wollte die Flasche herausziehen. Aber irgendetwas hielt die Flasche fest. Er umklammerte den Flaschenboden mit beiden Händen und zog so fest er konnte. "Gleich.... hnnnnghhhh.... nakommschonduverdammte...."
Plötzlich spürte er wie die Flasche in den Automaten gezogen wurde. Er bekam seine Hände nicht mehr aus der Öffnung und die Flasche zog seine Arme immer tiefer in den Automaten, der jetzt von einem grellen, roten Licht umgeben war. Als er schon bis zu den Schultern in dem Automaten steckte, geschah etwas merkwürdiges. Die Öffnung schien sich zu vergrößern, schien jetzt aus einem organischen, pulsierenden Material zu sein. Schon verschwanden die Schultern und das Flaschenmaul schob sich über seinen Kopf. Der Kassierer sah in einen bodenlosen, tiefschwarzen Schlund. Er strampelte wie verrückt aber das schien sein einsaugen nur zu beschleunigen. Er steckte jetzt bis zu den Hüften in dem übelriechenden Schacht, ein letzter Sog aus der Dunkelheit und auch die Beine waren eingezogen. Und dann fiel der Kassierer.
Letzter Blick auf die wirkliche Welt
Schon zwei Tage später war im Supermarkt wieder alles zur Normalität zurückgekehrt.Es wurde eine Kassiererstelle ausgeschrieben, allerdings nur halbtags. Der Marktleiter saß im Büro und las sich Bewerbungsschreiben durch.
Um 3 kam der Assistent und grüßte ihn höflich.
"Na" fragte er, während er sich den Kittel überwarf, "ist was brauchbares dabei?"
"Bisher noch nicht. Aber ich hab ja noch 40 Bewerbungen."
"Hat der Kassierer seine Papiere schon abgeholt?"
"Nein. Scheint ihm wohl nicht so wichtig zu sein. Ich hab auch schon bei ihm daheim angerufen, aber sein Mitbewohner meint, er wäre schon seit Tagen nicht mehr daheim gewesen."
Der Assistent schüttelte den Kopf.
"Komisch. Sind die Gurken schon wieder teurer geworden?"
-5-
Als der Kassierer wieder zu sich kam, befand er sich in einer kleinen Höhle. Es war stockdunkel und so tastete er erstmal nach den Wänden. Sie fühlten sich nass und glitschig an, waren warm und bewegten sich irgendwie. Das war doch etwas beunruhigend. Er drehte sich ein paar Mal und versuchte irgendwelche Konturen auszumachen, aber in der Dunkelheit erkannte er gar nichts. Er würde sich wohl an den Wänden entlang tasten müssen, so unangenehm der Gedanke auch war.Langsam tastete der Kassierer sich durch die stockdunkle Höhle, bis er an einer Wand einen Gang entdeckte der steil abwärts führte. Der Kassierer ging vorsichtig den Gang entlang. Es kam ihm vor wie Stunden und weiterhin führte der Gang bergab. Nach langem Marsch sah er ein Stück weiter vor sich ein schwaches Licht. Er rannte darauf zu und wäre beinahe in ein Loch gefallen, daß sich plötzlich vor ihm auftat. Im letzten Moment konnte er noch das Gleichgewicht halten und ließ sich nach hinten fallen. Das Licht schien direkt aus dem Loch zu kommen und erhellte den Raum in dem er sich befand etwas. Es war eine Sackgasse. Das Loch war inmitten einer kleinen Kammer die wohl das Ende des langen Ganges bildete durch den er gekommen war. Er beugte sich über den Rand. Das Licht wirkte zum springen etwas zu weit entfernt und er sah auch keinerlei Leiter oder Stufen hinabführen. Er kramte in seinen Taschen und fand ein 10 Cent Stück, daß er in das Loch fielen ließ.
"21...22....23....24....."
Klong.
Der Kassierer überlegte kurz, wie man jetzt die Tiefe des Loches ausrechnete und kam nach einem mehr als abstrusem Rechenweg auf eine Tiefe von 3,50m.
Das müßte zu überleben sein. Auf jeden Fall würde er den kilometerlangen Gang nicht mehr zurückgehen. Bei der Steigung. Er sprang.
Grelles Licht, daß direkt in sein Gesicht schien, ließ ihn wieder zu sich kommen.
Er schirmte mit einem Arm seine Augen ab und sah die Quelle des Lichts, das er von oben wahrgenommen hatte. Eine Taschenlampe lag auf dem Boden. Woher sie kam, war ihm momentan ziemlich egal, er nahm sie und sah sich um. Er befand sich in einer riesigen Kammer aus der unzählige schmale Gänge in alle Richtungen führten. Die Wände sahen genauso aus wie sie sich angefühlt hatten. Jetzt im Licht erkannte er, daß die Oberfläche transparent war. Unter ihr zogen sich tausende rötlicher Röhren dahin. Sie sahen irgendwie aus wie.... Adern.
Dem Kassierer wurde schlecht. Er war jetzt wohl in dem dunklen Reich in dem die REWE wohnte. Er mußte sie schnellstmöglich finden, daß er hier wieder rauskonnte. Es war doch etwas ungemütlich hier. Er beschloß, sich erst gar keine großen Gedanken darüber zu machen, welcher der Gänge wohl am besten war und betrat den, der ihm am wenigsten übelriechend vorkam.
Nach einem weiteren, unermeßlich langen Marsch hörte er erst leise, dann immer lauter werdend das Klingeln tausender Telefone, das sich mit einem ihm vertrauten Rattern vermischte. Er hatte das Gefühl, daß er sich dem Geräusch immer mehr näherte. Er ging weiter bis der Gang in einer gigantischen Höhle endete. Der Kassierer konnte weder die Decke noch die umliegenden Wände erkennen. Aber er sah jetzt, woher das Geräusch kam.
Vor ihm erhob sich eine riesige Säule an der sich ein schmaler Weg nach oben schlängelte. In der Säule, die aus dem gleichen Material wie die ganze Höhle war, saßen in winzigen Kammern Millionen von Menschen, die alle die gelb-rote Supermarktuniform trugen und Telefone und Computer bedienten. Die Kammern waren alle mit diesen Adern vernetzt durch die eine gelbliche Flüssigkeit in die Kammern floß. Der Kassierer ging zu einer Kammer und klopfte. Die Person, die in der Kammer bis zum Bauch in der Flüssigkeit saß reagierte nicht. Der Kassierer probierte es bei einer anderen Kammer, aber auch dort keine Reaktion.
Er begann den Weg hinaufzusteigen. Irgendwann musste er schließlich wieder an die Oberfläche führen. Während seinem Aufstieg, blieb er immer wieder stehen und versuchte einen der Arbeiter auf sich aufmerksam zu machen.
"Sie können dich nicht hören" ertönte eine durchdringende Stimme, "sie sind fleißig am Arbeiten, wie es sich für Arbeiter gehört."
Der Kassierer sah sich um, konnte aber den Ursprung der Stimme nicht ausmachen. Es kam ihm so vor, als wäre die Stimme direkt in seinem Kopf.
"Was ist das hier?" fragte der Kassierer entsetzt.
"Das hier ist die Zentrale" sagte die Stimme, "von hier aus wird alles gesteuert. Ist es nicht wunderschön. Hier sind all die gefallenen Kassierer um mir gegenüber ihre Schuldigkeit zu begleichen. All diese Kreaturen haben sich schuldig gemacht, haben sich nicht an die Regeln gehalten und deshalb sind sie hier. Genau wie du."
"Nein, nein" sagte der Kassierer, "das ist ein Missverständnis. Ich bin nur hier um die Genehmigung für meinen Roman abzuholen."
"Und" fragte die Stimme fast belustigt, "wo ist dein Roman?"
Der Kassierer stellte fest, daß er die bisher beschriebenen Blätter nicht dabei hatte.
"Du verwechselt etwas, Kassierer. Das hier ist dein Roman, du bringst irgendwas mit den Realitäten durcheinander. Das hier ist dein großes Drama und du bist der tragische Protagonist. Du bist nur hier um für das Unrecht, daß du über Filiale 45-682 gebracht hast für immer zu büßen."
"Ich muß die REWE finden" brüllte der Kassierer.
Die Stimme lachte ein gräßliches, blubberndes Lachen.
"Du hast sie gefunden. Du bist direkt in ihr. In mir. Und jetzt an die Arbeit"
Ein langer Arm kam aus der Dunkelheit und umschlang den Kassierer.
Der Kassierer wurde von dem Arm in eine der Kammern gehoben und vor einen Computer gesetzt. Der Arm zog sich blitzschnell zurück und die Kammer schloß sich. Der Kassierer warf sich gegen die Wände, aber sie gaben keinen Millimeter nach. Es war hoffnungslos, das merkte er bald, aber er versuchte es weiter.
Irgendwann kam der Arm wieder und setzte sich unter seiner Kammer fest. Der Kassierer hörte ein kurzes Bohren und dann fing der Arm an die gelbliche Flüssigkeit in die Kammer zu pumpen.
Der Kassierer spürte, wie ihm die Kraft schwand.
Nach einiger Zeit, fand er es gar nicht mehr so schlimm in der Kammer.
Man konnte sich an jeden Job gewöhnen.
Wenigstens hatte er hier keinen Kundenkontakt.
"Aber genug gedacht" dachte der Kassierer, "Stammdaten wollen aktualisiert werden."
Ende
Das letzte Kapitel
-
Man fand den Kassierer einige Wochen später in dem Leergutschacht.
Er war total ausgetrocknet und abgemagert. Ein Kunde hatte sich über den Gestank in der Getränkeabteilung beschwert. Zur allgemeinen Überraschung ordnete ein gewisser Michael Fartmeier aus der Zentrale eine Obduktion an. Sie ergab, daß der Kassierer an einem Gehirnschlag gestorben war, was nicht viel änderte. Das Fartmeier, als er in den Gang zu der Leiche des Kassierers kroch, ein Bündel eng beschriebener Blätter, die dieser krampfhaft in der rechten hielt an sich nahm, bemerkte niemand. Es interessierte auch keinen.
-
EPILOG
-
"Ich bin fertig"
"Zeig mal her"
Der Kassierer gab Gott die Geschichte und dieser blätterte die paar Seiten kurz durch.
"Ist das alles ?" fragte er schließlich enttäuscht.
"Äh ... ja."
"Das sind gerade mal 6 Seiten. Außerdem ist das Ende voll traurig."
"Ist ja auch ein Drama. Mehr ist mir auch nicht eingefallen."
"Ist ein bißchen dürftig. Erzähl einfach alles, auch das drumherum. Die Geschichte mit Fartmeier, wie das ganze entstanden ist und auch die Begegnungen mit mir. Göttliche Erscheinungen kommen immer gut. Mach es total verwirrend, mit unterschiedlicher Kapiteleinteilung und verschiedenen Schrifttypen."
Gott gab ihm die Blätter zurück.
"Aber jetzt hast du ja genug Zeit, das ganze zu überarbeiten."
"Dann bin ich also jetzt tot?"
"Ganz genau. Darauf stoßen wir an" sagte Gott.
Er holte ein Glas hinter dem Rücken hervor und schenkte aus einer Karaffe eine dunkle Flüssigkeit ein.
"Hier probier das mal"
Der Kassierer nahm einen Schluck und es war absolut köstlich.
"Hm... lecker. Was ist das denn?"
"Das ist Ambrosia mit Cola. Ich hab es Götterspezi genannt."
"Das wird mir beim arbeiten helfen. Ich werde mich gleich hinsetzen und die Geschichte überarbeiten."
Gott schüttelte den Kopf.
"Das kannst du auch irgendwann anders machen. Wenn du jetzt etwas hast, dann Zeit. Komm laß uns ein bißchen 'Das Nilpferd in der Achterbahn' spielen."