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Thomas Ponten

Office 2004

Eines sonnigen Tages war es dann endlich so weit. Mein Experiment kam in seine Endphase. Walter, mein stets verständnisvoller Chef rief mich in sein Büro. Ich machte mich auf das gefaßt, was man im allgemeinen wohl als ernstes Gespräch bezeichnen würde. Endlich hatte mein Handeln Konsequenzen, die Welt schien doch noch zu funktionieren.

Vor einer Wochen startete ich mein Experiment, mehr zufällig als überlegt. Ich war gerade dabei eine Liste von Stammdaten einzupflegen, wie man so schön sagt, als mein PC plötzlich mit größter Sorgfalt anfing gepflegt abzukacken. Die Arbeit eines ganzen Tages war dahin und es war kurz vor sechs, normalerweise wäre das ein sicheres Anzeichen gewesen, den Abend kettenrauchend vor dem Monitor zu verbringen. Statt dessen ging ich einfach nach Hause.

Zu meiner Überraschung schien das am nächsten Tag niemanden zu stören. So kam ich auf die Idee, einfach auszuprobieren, wie lange ich meine Arbeit nicht machen könnte, bevor sich irgend jemand beschwerte. Da eine zu extreme Inanspruchnahme des Internets, einem der fröhlichen Aushänge Walters zufolge, mit Abmahnung bestraft werden könnte, machte ich einfach den ganzen Tag lang gar nichts, starrte nur auf den abgeschalteten Monitor. Das traf sich ganz gut, da ich zu dieser Zeit leicht melancholisch veranlagt war und die Tiefe des schwarzen Bildschirms sehr wohltuend wirkte. Um 18 Uhr ging ich nach Hause.

Drei Tage später hatte sich immer noch keiner beschwert. Meine Theorie, das meine Arbeit vollkommen sinnbefreit war und ich eigentlich gar nicht kommen bräuchte hatte sich endlich bestätigt. Also ging ich an diesem Tag schon um drei heim und blieb am nächsten Tag gleich ganz zu Hause. Um elf klingelte das Telefon. Walters Sekretärin war dran und fragte mich, warum ich nicht zur Arbeit erschienen war und ob ich krank war. "Nein, meine beste" antwortete ich, "ich fand es nur etwas unsinnig heute arbeiten zu gehen, eigentlich nicht nur heute." Sie lachte. Ich könnte mich ja heute mal einen Tag ausruhen, wenn es mir nicht gut ginge, sagte sie, das würde dann von den Überstunden abgezogen, morgen müsse ich aber eine Krankschreibung vorlegen.. oder einfach wieder kommen. "Nein, sie verstehen nicht" fing ich an, aber sie hatte mir schon Gute Besserung gewünscht und aufgelegt.

Am nächsten Tag lag eine lange Liste mit neu eingetroffenen Eisenrohren, die zur Dampfregulierung oder so was dienten, auf meinem Schreibtisch mit dem Vermerk die Artikel doch schnellstmöglich anzulegen. Ich packte sie in einen Umschlag, kreuzte "Dringend" an und schickte sie Walter. Dann schaltete ich den Monitor an und spielte "Solitär" bis mir die Augen weh taten. Langsam wurde es zu einfach.

In der Mittagspause fragte ich einen Kollegen ob er schon mal daran gedacht hätte, wie groß seine Chancen auf eine Gehaltserhöhung wären, wenn er sein Arbeitspensum verdoppeln würde. Ich hätte gute Kontakte, würde meine Beziehungen spielen lassen und wäre momentan extrem überlastet. Wenn er also meine Arbeit erledigen könnte, wäre ich bereit mal mit Walter zu reden. Er war begeistert und holte sich gleich nach der Pause meinen riesigen Stapel unerledigter Stammdatenblätter ab.

2 Stunden später bereute ich es schon. Wenn man gar keine Arbeit mehr hatte, die man vernachlässigen konnte, blieb sogar das letzte bißchen Spaß aus. Ich schrieb eine Materialanforderung über ein Sturmgewehr und gab sie dem Boten mit. Ein Paar Stunden später kam er wieder und brachte mir eine Spritzmaschine.

Dann kam der Tag an dem mich Walter in sein Büro bestellte. Ich erwartete sehnsüchtig meine Kündigung, erwartete endlich, daß Walter mein Bild der Welt wieder korrigieren würde, mein unziemliches Verhalten bestrafen und meiner Arbeit den letzen Hauch Sinn zurückgeben würde. Statt dessen wedelte er freundlich grinsend mit der Eisenrohrliste die ich ihm geschickt hatte und meinte er würde gleich morgen zwei Zeitarbeiter einstellen. Er entschuldigte sich dafür, meine Überlastung nicht früher bemerkt zu haben.

Morgen gehe ich nackt in die Arbeit. Wenn dann immer noch niemand was sagt werde ich mich erschießen.